Johannes Wrobel: "Auf Wiedersehen!" – Abschiedsbriefe von zum Tode
verurteilten Zeugen Jehovas im NS-Regime, in: Marcus Herrberger: Denn es
steht geschrieben: "Du sollst nicht töten!" Die Verfolgung religiöser
Kriegsdienstverweigerer unter dem NS-Regime mit besonderer Berücksichtigung der
Zeugen Jehovas (1939-1945), Wien 2005, S. 237-326.
[S. 237]
Von Johannes Wrobel
Die Angehörigen der christlichen Religionsgemeinschaft der „Ernsten Bibelforscher“ (1910–1926) bzw. „Bibelforscher“ (1927–1931) oder „Jehovas Zeugen“ (seit 1931) verweigern aus religiösen Gewissensgründen militärische Dienste.[1] Unter der nationalsozialistischen Diktatur bildeten die Zeugen Jehovas mit über 300 Verurteilten und über 270 Hingerichteten die größte geschlossene Weltanschauungsgruppe der durch die Wehrmachtsjustiz bestraften und ums Leben gebrachten Kriegsdienstverweigerer.[2]
Die letzten Gedanken der zum Tode verurteilten Zeugen Jehovas – einem Stück Papier anvertraut in der Erwartung, dass sie die Lieben daheim erreichen werden – sind sehr persönliche Zeugnisse. Die Briefe spiegeln eine ergreifende Tapferkeit, enge familiäre Bindungen sowie eine Bibelfestigkeit und urchristliche Glaubenszuversicht wieder, die offenbar Berge von starken Emotionen – wie Abschiedsschmerz und Todesangst – zu versetzen vermochte. Auch viele Abschiedsbriefe von politischen Häftlingen, „im Bewußtsein ihres unmittelbar bevorstehenden Todes geschrieben, zeugen von menschlicher Größe“, bezeugt ein Ausstellungskatalog.[3] Hanns Lilje, der langjährige evangelisch-lutherische Landesbischof [S. 238] in Hannover, der 1944 in Haft geriet und 1947 seine Begegnungen mit den zum Tode verurteilten Zeugen Jehovas beschrieb, befand über diese Gruppe:
„Keine christliche Gemeinschaft kann sich mit der Zahl der Blutzeugen auch nur von ferne messen. Ihre massive Eschatologie hat es ihnen möglich gemacht, in der Erwartung einer baldigen besseren Welt wahrhaft unbekümmert in den Tod zu gehen. [...] Sie können für sich in Anspruch nehmen, die einzigen Kriegsdienstverweigerer großen Stils zu sein, die es im Dritten Reich gegeben hat, und zwar offen und um des Gewissens willen.“[4]
„Der NS-Staat ging gegen die religiöse Minderheit mit einer heute kaum noch nachvollziehbaren Härte vor“, urteilt Historiker Wolfram Wette und beschreibt, wie es zur Stigmatisierung der Zeugen Jehovas als „Staatsfeinde“ kam:
„Man muss wissen, dass die Religionsgemeinschaft der ‚Ernsten Bibelforscher (Zeugen Jehovas)‘ im Jahre 1933 lediglich etwa 20.000 bis 30.000 Mitglieder zählte. Als Organisation wurde die Glaubensgemeinschaft schon im Juni 1933 verboten. Etwa 10.000 ihrer Mitglieder kamen zeitweise in Gefängnisse und Konzentrationslager. Weshalb, so fragt man sich, war der NS-Staat nicht imstande, der kleinen Gruppe der Zeugen Jehovas einfach keine Aufmerksamkeit zu schenken und sie durch Nichtbeachtung zu tolerieren? Tatsache ist, dass der Staat Hitlers sie wie einflussreiche politische Feinde behandelte. Dabei definieren sich die Zeugen Jehovas selbst gar nicht als politische Menschen. Sie verstehen sich primär als gläubige Christen, die Distanz zum politischen Umfeld zu halten versuchten. Allerdings enthielt ihre Vorstellung von einem realen Reich Gottes auf Erden, das am Ende auch alle irdischen Herrschaftsstrukturen aufheben werde, hinreichenden Konfliktstoff. Denn sie kollidierten mit den Gehorsamsforderungen des totalitären Staates. Zudem legten die Zeugen Jehovas eindeutig widerständiges Verhalten an den Tag. Es ist der [S. 239] Sache und der Wirkung nach als politisch einzuschätzen, auch wenn es religiös gedacht war. In ihren Schriften bezeichneten die Zeugen Jehovas das Dritte Reich als ‚Teufelsherrschaft‘ und Hitler als ‚Antichrist‘. Sie weigerten sich, die nationalsozialistische Grußformel ‚Heil Hitler!‘ auszusprechen, und benutzten weiterhin die gewohnten bürgerlichen Grußformen ‚Guten Morgen!‘ und ‚Guten Tag!‘, wozu unter den gegebenen Verhältnissen großer Mut gehörte. Noch viel schwerer wog, dass sie sich standhaft weigerten, den Eid auf Hitler als den Oberbefehlshaber der Wehrmacht zu leisten. Aus der Sicht des nationalsozialistischen Staates stellten diese Verhaltensweisen ein ganzes Bündel von Loyalitätsverweigerungen dar, das geradezu als eine Kampfansage gegen den NS-Staat gewertet wurde. Tatsächlich stuften SS- und Gestapofunktionäre die Zeugen Jehovas schon in den 30er Jahren als Staatsfeinde ein.“[5]
Gleich nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges im September 1939 begannen die Nationalsozialisten mit der Vollstreckung von Todesurteilen gegen Kriegsdienstverweigerer. Vor der Hinrichtung durften die Todeskandidaten Abschiedsbriefe schreiben, und sie benutzten dafür das Briefpapier der Haftanstalt oder eigenes Papier. In Berlin-Plötzensee waren Tinte und Feder gestattet, während in Brandenburg-Goerden nach der Beobachtung von Harald Poelchau „die Briefe nur gefesselt und mit Bleistift geschrieben“ werden durften.[6] Zumindest geschah dies dort eine Zeitlang ohne Feder, denn Emil Ackermann (auf den unten näher eingegangen wird) schrieb seine Haftbriefe 1941 mit Tinte, und er benutzte dafür sowohl eigenes Papier als das offizielle Briefpaper des Zuchthauses Brandenburg.
Das in den letzten Stunden anwesende Haftpersonal oder der Pfarrer nahmen den Abschiedsbrief der Zeugen Jehovas in der Todeszelle entgegen.[7] Wilhelm Woitschaetzki bemerkte im letzten Brief: „Es ist jetzt EIN [S. 240] Uhr. Ich will bald schließen, da die Briefe wohl eingesammelt werden.“[8] Die Justizvollzugsanstalten ließen das beschriebene Papier weiter befördern, und so erreichte der letzte Gruß nach etwa einer Woche den Adressaten.[9] Auch das Reichskriegsgericht in Berlin, später in Torgau (gleichzeitig Haftort der Angeklagten), ließ Abschiedsbriefe befördern und zwar bei der Übersendung der Vollstreckungsmitteilung des Todesurteils an die Angehörigen (Hinrichtungsort war in der Regel Halle/Saale), wobei Formulierungen benutzt wurden, wie „Ein letzter Brief Ihres Sohnes liegt bei“[10], „Der Abschiesbrief Ihres Sohnes ist beigefügt“[11] und „Anliegend ein Abschiedsbrief“[12].
Für Kurt Degenkolbs Brief öffnete sich ein anderer Weg der sicheren Beförderung: „Dieser Brief geht mit einem Soldaten raus, der hier aus diesen vier Wänden entlassen wird.“[13] (Emil Ackermann konnte seiner Frau anläßlich ihres Besuches einen Brief zustecken, Bernhard Grimm versteckte Briefe in den Fußstützen, die seinen Eltern dann nach seiner Hinrichtung zugesandt wurden.)
Die Abschiedsbriefe wurden nicht selten unter dem Blick der Verfolger geschrieben: „Ein inkriminierender Ausdruck zu viel im Brief und die letzten Grüße verschwanden in den Akten der Justiz und erreichten die Angehörigen nicht mehr“, stellt Heimo Halbrainer fest.[14] Der Zeuge Jehovas Gerhardt Steinacher schrieb im März 1940 an seine Eltern: „Ich sitze hier in der Zelle, es ist jetzt ca. 1 h früh. Zwei Herren sind bei mir herinnen. Die Zeit verläuft rasend schnell. Ich schreibe den Brief auf Raten, wie es mir gerade [S. 241] einfällt. Es ist kalt draußen, es schneit wieder. Der Herr gebe Euch Kraft.“[15] In seinem letzten Brief fehlen 3 1/2 Zeilen – die Zensur in Plötzensee hatte sie durchgestrichen und unleserlich gemacht. Der letzte Brief von Wilhelm Woitschaetzki erreichte den Empfänger von der Zensur im Zuchthaus Brandenburg regelrecht zerstückelt.[16]
Die Todeskandidaten suchten Schlaf, oft fanden sie keinen. „Ich wache jetzt und denke an dich“, schrieb Max Krause seiner Frau in der letzten Nacht.[17] Und Hans Schulze beschrieb der Mutter die letzten Stunden mit folgenden Worten: „Ich werde morgen, den 9.5., um 5.40 Uhr hingerichtet. Ich sitze hier im Keller und warte auf den morgigen Tag, habe einen Teller Wurstschnitten und Kaffee und Bier zu essen und trinken. Zwei Wachbeamte sind mit hier und lassen es sich gut schmecken. Es wird bis morgen früh durchgewacht.“[18]
Wie oben erwähnt, kamen die Häftlinge in Eisen. Sigurd Speidel teilte den Verwandten mit: „Ich kam allein in eine Zelle, sie ist nachts beleuchtet. Auch kam ich in Eisen. Nun ist es so weit. In 5 1/2 Stunden werde ich hingerichtet“.[19] In Hugo Henschels letztem Brief hatte die Zensur mehrfach Zeilen weggestrichen, doch folgendes stehen lassen: „Am 27.3. bekam ich Fußfesseln. Mit der Kraft des Herrn geht alles. Jetzt habe ich die 2 letzten Stunden Handfesseln.“[20]
[S. 242]
Die Fesselung war dem Gefangenen in jeder Hinsicht hinderlich. Wilhelm Letonja bemerkte: „Ihr müßt meine Schrift entschuldigen, denn ich bin gefesselt und sehr behindert beim Schreiben.“[21] Manchmal hinterließen die eisernen Handfesseln Abdrücke auf dem Briefpapier. Johannes Harms aus Wilhelmshaven teilte seinem Vater mit: „Schon jetzt ist das Todesurteil gegen mich ausgesprochen, ich liege Tag und Nacht in Fesseln – die Druckstellen [auf dem Papier] stammen von den Handschellen –, aber ich habe noch nicht bis aufs Blut widerstanden. Das Stehen wird einem Zeugen Jehovas nicht so leicht gemacht. […] Ich werde auch Deiner bis zuletzt gedenken. Auf Wiedersehen!“[22]
Der Gruß „Auf Wiedersehen!“ ist in den Abschiedsbriefen hingerichteter Zeugen Jehovas häufig zu finden, so auch in vielen in diesem Beitrag zitierten Briefen. Der reale Abschiedsgruß weist nicht auf ein irreales Jenseits oder auf traditionelle Vorstellungen eines Weiterlebens nach dem [S. 243] Tode, denn Zeugen Jehovas lehnen die religiöse Lehre von der Unsterblichkeit der Seele ab, glauben dagegen an die biblische „Auferstehung“ oder eine Wiederschaffung der Person im himmlischen oder irdischen Bereich des Königreiches Gottes. (Auf die religiösen bzw. theologischen Hindergründe der Überzeugung wird am Schluß dieses Beitrages eingegangen.) Bestimmte Begriffe und biblische Wendungen in den Abschiedsbriefen von Zeugen Jehovas bedürfen daher der Erklärung für den nicht eingeweihten Leser, um die volle Bedeutung und Wirkung der letzten Worte der Hingerichteten auf den Absender selbst und auf die Empfänger zu erschließen.
Konrad Seibold jun. bemerkte einen Tag vor der Hinrichtung in Brandenburg: „Heute habe ich eine Bibel bekommen.“[23] Eine Anzahl Todeskandidaten erwähnen, daß ihnen in den letzten Stunden oder bereits früher eine Bibel zur Verfügung stand, die ihnen half, Mut und Kraft für den letzten Gang zu schöpfen, und dieser Umstand trug sicherlich oft dazu bei, ungeachtet der menschlich betrachtet aussichtslosen Lage, eine positive Gesinnung zu bewahren. Heinz Bernecker teilte seiner Frau mit: „Seit dem 9. d. Mts. bin ich in Brandenburg gewesen und gleich vom ersten Tage erhielt auch ich eine Bibel. Ich hatte auch eine schöne helle Zelle. Aber nun ist ja alles überstanden.“[24]
Es folgen exemplarisch vier Biographien von Hingerichteten und Erläuterungen ihrer letzten Briefe. Im Anhang sind weitere Abschiedsbriefe wiedergegeben.[25]
Der Maschinenarbeiter und Dreher Hermann Abke aus Herford (geboren am 20. Dezember 1903) war gemäß einem Vermerk in den Unterlagen des Reichskriegsgerichts „seit 1925 Bibelforscher“.[26] Fest steht, daß er zu dieser Zeit mit den Bibelforschern in Berührung kam und 1932 aus der [S. 244] Kirche austrat.[27] Nach anderen Quellen hatte er sich, dem Beispiel seiner Frau Marie folgend, etwa 1938/1939 der Glaubensgemeinschaft angeschlossen.[28] Dieter Begemann, Mitarbeiter im Kommunalarchiv Herford, beschreibt den Sohn eines Mühlenarbeiters wie folgt: „Nach allem, was Dokumente und Zeitzeugen über Hermann Abke aussagen, war er ein ruhiger, unauffälliger, aber ausgesprochen disziplinierter Mensch, der in seinem Glauben und damit nach dem Wortlaut der Bibel lebte.“[29]
Als Hermann Abke am 27. April 1944 zur Wehrmacht einberufen wurde, „erklärte er am 2.5., daß er aus Glaubensgründen keinen Wehrdienst leisten könne“.[30] Der festgenommene 40jährige Familienvater von drei Kindern – am 25. Mai 1944 war er in das Wehrmachtsgefängnis Fort Zinna in Torgau überführt worden – begründete seine Ablehnung so:
„Seit meinem 16. Lebensjahr bin ich, beeinflußt durch die Eindrücke des vorigen Krieges, der Auffassung, daß es unchristlich ist, Menschen zu töten. Diese Auffassung finde ich auch in der Bibel begründet. Aus diesem Grunde halte ich es für meine Pflicht, meiner christlichen Überzeugung treu zu bleiben. Es verstößt auch gegen meinen Glauben, mich in die Wehrmacht einordnen zu lassen, selbst wenn ich nicht mit der Waffe zu kämpfen brauche, da die Wehrmacht eine Organisation ist, die den christlichen Grundsätzen widerstreitet.“
Er schreibt zusammenfassend: „Die Ablegung eines Eides lehne ich aus biblischen Gründen ab und kann deshalb auch den mir in der Wehrmacht [S. 245] abverlangten Eid nicht leisten. Ich bekenne mich zu den Zeugen Jehovas.“[31] Der 1. Senat des Reichskriegsgerichts in Torgau verurteilte Hermann Abke am 27. Juni 1944 als „hartnäckig und unbelehrbar“ zum Tode, und Reichskriegsgerichtspräsident Admiral Bastian bestätigte das Urteil am 7. Juli 1944.[32] Zwei Tage bevor das Urteil am 17. Juli 1944 in Halle/Saale durch Enthauptung vollstreckt wurde,[33] schrieb Hermann Abke folgenden Brief:
Torgau, 15.7.44
Meine liebe Frau und Kinder! Da ich annehme, daß es nur noch Tage sind, die ich in dieser verkehrten Welt zu leben habe, möchte ich nochmal zu allen, die mir nahe standen, einige Worte schreiben. Ich danke dem Allmächtigen, dass ich diesen Weg gehen durfte und dass du, mein liebes Mariechen, [der du] auf diesem Wege zu mir fandst; und dass ich nicht mit einem weltlich gesonnenen Mädchen die Ehe einging, um auf dem Wege der Wahrheit gefährdet zu sein. Ich bin der Überzeugung, dass mein Lebensweg vom Herrn überwaltet war und er nichts zuließ, was sich hätte der Wahrheit[34] hinderlich in den Weg stellen können. Habe durch des Herrn Gnade den wahren Lebenszweck erkannt und zwar, dass der Mensch nicht für diese Zustände, die bis jetzt herrschten, die ja nur eine Folge der Sünde, des Abfalls von ihren [ihrem] Schöpfer sind.[35] Sondern, dass wir [S. 246] den wahren Schöpfer Himmels und der Erde und seinen Sohn Jesus Christus erkennen, seine Gebote erforschen und danach tun. Alle wahren Nachfolger Christi haben erkannt, dass er jetzt sein Friedensreich aufrichtet, wonach alle Menschen in den Jahrhunderten, die an den Segnungen, die Jehova von Anfang der Menschheit verheißen hat, sich erfüllt.[36] Wenn dieser Weg, der zu diesem Ziele führt, auch sehr schwer ist, müssen wir doch die Welt überwinden, Frau und Kinder, und alles was uns lieb und wert war, uns von trennen.[37] Aber in der festen Zuversicht, dass der Herr uns beisteht und uns hundertfältig in seinem Friedensreich alles beschert, was für den Menschen wünschenswert ist, nämlich Leben, Glück, Zufriedenheit und mit seinem Schöpfer in völliger Harmonie. Im Glauben an die zukünftigen Freuden sind wir auch fähig, unsere letzten Schritte für den Herrn zu tun, der von uns auch nicht mehr verlangt, wie in unserer Kraft steht.[38] Ein besonderer Trost ist mir, was Paulus in 2. Tim[otheus] 4, V. 7-8 sagt.[39] Und dann meine Lieben, zum Trost, nur eine Nacht noch währet das Weinen, dann ist lauter Freude. Ich gehe ja nur schlafen,[40] um an einem besseren Morgen, wo die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen wird, mit Heilung unter ihren Flügeln, wieder [S. 247] aufstehen werde.[41] Nun meine lieben Schwestern, Johanne u. Auguste, beweint u. beklagt mich nicht zu sehr, ich entgehe vielen Drangsalen und Gewalttaten, denen die Menschen noch ausgesetzt werden, die Menschen werden den Tod suchen und sie werden ihn nicht finden. Denn das Schlimmste steht noch bevor, die Schlacht des Allmächtigen.[42] Nun mein lieben [liebes] Mariechen, sei Du immer tapfer u. stark, einmal wird die beglückende Stunde kommen, wo wir alle wieder vereint sein werden.[43] Ich habe den festen Glauben, dass auch unsere Kinder, wenn sie gehorsam u. gläubig sind, auch mal wieder da sein werden, wenn sie für wert erachtet werden und den Willen Gottes tun. Nun möchte ich noch zu eurer Beruhigung sagen, dass ich die ganze Zeit während meiner Haft keinen Hunger gelitten habe und auch nicht mißhandelt worden bin. Der Kampf bestand nur darin, dass ich von allen Seiten immer wieder dazu aufgefordert wurde, doch einzugestehn, der Krieg würde ja nur noch eine kurze Zeit dauern und vor allen Dingen, ich solle doch an die Kinder denken, die dann doch keinen Vater mehr haben. Ich habe die dazu gehörigen Antworten gegeben, aber wir werden nun mal nicht verstanden. Nun mein liebes Mariechen, [meine] lieben Kinder, [S. 248] alle Verwandte und Bekannte, recht herzl[iche] Grüße von Hermann. Auf Wiedersehn![44]
Am Tag der Hinrichtung gelang es Hermann Abke, mit Bleistift einen weiteren Brief zu schreiben. Um der Zensur zu entgehen, vertraute er ihn zusammen mit einem Begleitschreiben einem Mitgefangenen an. Dieser übergab die beiden Briefe dann im Oktober 1944 der Ehefrau. Der allerletzte Abschiedsbrief Herman Abkes hat folgenden Wortlaut:
Halle 17.7.44
Mein liebes Mariechen, meine lieben Kinder!
Meine liebe Frau, wenn dich diese Zeilen erreichen, dann habe ich die Welt überwunden.
Wurde am Sonnabend morgen nach hier transportiert. Heute Mittag erschien das Gericht und erklärte, daß das Urteil an mir um 17 Uhr vollstreckt würde.
Liebes Mariechen, sei mutig u. stark, wir mußten uns nun mal damit abfinden.
Ich habe in Torgau noch drei Briefe von Dir erhalten, die Du nach Deinem Besuch geschrieben hast, auch die Bilder hab ich bekommen.
Nun konnte Dein Besuch gar leider nicht mehr stattfinden. Aber liebes Mariechen, wir sehen uns dennoch wieder im Friedensreich. Allzulange wird es wohl nicht mehr dauern, dann wird das Ersehnte aller Nationen[45] kommen.
Liebes Mariechen, es ist ein großer Trost für mich, daß ich eine so verständnisvolle Frau habe und die Kinder können dieses gar noch nicht fassen u. verstehen, das macht mir das Scheiden leichter.
Weiß ich gar auch, daß Ihr keine Not leiden braucht und Ihr nicht ohne Schutz u. Schirm[46] seid.
[S. 249]
Zudem habe ich die feste Zuversicht, daß wir mal alle wieder beieinander sein werden in Frieden u. Glückseligkeit.
Nun mein liebes Mariechen, wenn Dich die Traurigkeit u. Trübsinn mal überfällt, so weine Dich aus und gehe vertrauensvoll zu der Quelle[47], wo Du alles was du brauchst, Dich erbitten kannst!
Liebes Mariechen mich brauchst Du nicht nachtrauern, denn ich habe die Welt überwunden[48] und erwarte einen schöneren Morgen, wo die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen wird mit Heilung unter ihren Flügeln[49].
[Randbemerkung:] Liebes Mariechen, über meine Sachen kannst Du verfügen wie Du willst.
Wie Du mir schriebst, war Johanne und Lore bei Euch und haben den Aparat geholt. Da wird Johanne gar schon Bescheid wissen. Ich schreibe ihr auch noch einen Abschiedsbrief.
Liebes Mariechen, grüße bitte alle recht herzlich von mir: Vater, Mutter, Hildegard, David. Auch alle Bekannte u. Verwandte, und sage ihnen allen, daß sie Tapfer und mutig bleiben, da gar bald die Erlösung naht.
Wir brauchen garnicht traurig sein, denn nur eine Nacht währet das Weinen, dann ist lauter Freude.
Nun mein liebes Mariechen, meine liebe Mutti, meine lieben Kinder drücke und küsse ich Euch noch alle recht herzlich bis auf Wiedersehn.
Dein Hermann
[Randbemerkung:] Grüße H. Westerhold u. Frau recht herzlich von mir.
[S. 250]
Der Abschiedsbrief von Emil Ackermann an seine Frau Dora weist eine Besonderheit auf: Am Anfang stehen seine letzten Gedanken in Gedichtform.
Emil Ackermann (geboren am 2. Dezember 1902) aus Werdau (Sachsen) verdingte sich im Laufe der Zeit in der Landwirtschaft, als Müllerbursche, als Fabrikarbeiter und Weber. Er fand Anfang der 1920er Jahre zu den „Bibelforschern“ (Jehovas Zeugen) durch deren öffentliche Vorführungen des Schöpfungsdramas (die biblische Geschichte in Lichtbildern und mit Orchesterbegleitung) in Zwickau und Werdau. Die Werdauer Gruppe wuchs schnell auf 50 Mitglieder, und Emil Ackermann sprach mit der Bibel in der Hand in jedem Haus in Werdau und in den umliegenden Orten vor. Er beteiligte sich an der religiösen Unterweisung der örtlichen Kindergruppe der Bibelforscher, wobei er gut mit Kindern umgehen konnte und über pädagogisches Geschick verfügte, wie sich Zeitzeugen erinnern. Er übte sich als Poet, und besonders seine Gedichte für Kinder zeugen von Humor. Auch pflegte er Hausmusik, und in den gottesdienstlichen Zusammenkünften spielte er die Geige.[50]
Dann kam 1933 das Verbot der Religionsgemeinschaft durch die Nationalsozialisten. Er blieb jedoch für seinen christlichen Glauben aktiv, nahm es auf sich, zusammen mit anderen Zeugen Jehovas 1934 den religiösen Kongreß der Gemeinschaft in Basel (Schweiz) zu besuchen. Er beteiligte sich am 7. Oktober 1934 an der reichsweiten Aktion der Zeugen Jehovas, wobei auch die Gruppe in Werdau anläßlich einer geheimen Zusammenkunft ein Protestschreiben an Hitler beschloss. Das Sondergericht für den Oberlandesgerichtsbezirk Jena in Weimar verhandelte später den Fall in einem „Bibelforscher-Prozeß“ in Greiz,[51] und ein Lokalblatt meldete:
„Eine besondere Stellung nahm dabei eine Zusammenkunft der Angeklagten bei einem Glaubensgenossen in Werdau ein, in deren Verlauf außer einem Gottesdienst im Sinne der ‚Zeugen Jehovas‘ der Beschluß gefaßt wurde, trotz des Verbotes die Veranstaltungen geheim weiter durchzuführen. Außerdem wurde ein Schreiben an den Führer verfaßt, das folgenden Inhalt hatte: ‚Wir teilen dem Herrn Reichskanzler mit, daß wir weiter gewillt sind, als [S. 251] ‚Zeugen Jehovas‘ zu wirken. Wir teilen dem Reichskanzler weiter mit, daß unser Blut auf sein Haupt komme, wenn er uns weiter durch seine Beamten verfolgen läßt. Wir ersuchen den Reichskanzler, das Verbot aufzuheben.‘ […] Darauf ergriff der Staatsanwalt in seinem Plaidoyer das Wort. […] Auch zeige dies Verfahren noch einmal so recht die Gefährlichkeit dieser Organisation, da die Ansichten ihrer Mitglieder über die Wehrpflicht, die Rassenfrage usw. an den Grundfesten des heutigen Staates rütteln.“[52]
Das Sondergericht verurteilte Emil Ackermann am 5. September 1935 wegen der verbotenen Tätigkeit zu 1 Jahr und 6 Monaten Gefängnis, seine Frau Dora zu 3 Monaten.[53] Nach der Haftverbüßung in Ichtershausen erfreuten sie sich zunächst noch vier Jahre eines glücklichen Familienlebens, ein zweites Kind wurde 1938 geboren.
Zum 1. Mai 1941 war Emil Ackermann zur Wehrmacht einberufen worden. Noch in der Bahnhofshalle von Zwickau schrieb er an seine Familie: „Warum sollte ich Euch nicht noch einmal sagen – weil ich es noch kann – daß Ihr drei der ganze Inhalt meines Lebens gewesen seid!“[54] Er erklärte seinem militärischen Vorgesetzten in Bad Saarow (Brandenburg), daß er „auf Grund seines Glaubens weder eine Waffe in die Hand nehmen noch den Eid leisten könne“,[55] sondern nur für Tätigkeiten bereit sei, die sein Gewissen nicht belasten. Das brachte ihn vor das Reichskriegsgericht in Berlin, das am 15. September 1941 sein Todesurteil verkündete und am 23. Oktober 1941 für rechtskräftig erklärte.
Während der Haft schrieb Emil Ackermann „etliche ermunternde, tröstende und glaubensstärkende Briefe mit vielen selbstverfaßten Gedichten,[56] auch einen Dankesbrief an seine Frau“, wie berichtet wird. Während eines Besuches der Ehefrau gelang es ihm, ihr heimlich einen unzensierten Brief zuzustecken. Darin schrieb er über seine geistige Verfassung:
[S. 252]
„Die Gewißheit der Richtigkeit des Weges und der damit verbundenen Billigung und des Empfangs seiner Segnungen, seines Schutzes, der Fürsorge und endlichen Rettung löst eine so überwältigende Süßigkeit aus, die man empfängt beim Eintritt in das Stadium höchster Gefahr, ohne jedoch von ihr berührt zu werden.“
Er schöpfte Kraft und Trost aus einer Bibel, die er bis zuletzt in seiner Zelle aufbewahren durfte, ebenso aus dem Singen der Psalmen 30, 46 und 68, die er selbst in Reimform gefaßt hatte. Bis zuletzt wäre es ihm möglich gewesen, seine Gewissensentscheidung zu widerrufen; drei Geistliche verschiedener Konfessionen sollen ihn wegen seiner Standhaftigkeit als „verrückt“ bezeichnet haben.[57]
Das Todesurteil wurde am 15. November 1941 in Brandenburg-Goerden mit dem Fallbeil vollstreckt. Sein Martyrium war aus seinem christlichen Glauben heraus erfolgt, doch in der Sterbeurkunde vermerkte ein ignoranter Standesbeamte „glaubenlos“, obwohl er „konfessionslos“ meinte.[58]
Seine Frau erhielt während der NS-Zeit weder Hinterbliebenenversorgung oder Härteausgleich noch Kinderbeihilfe für sich und die Kinder, weil der Tod ihres Mannes aufgrund „eigenen Verschuldens“ erfolgt sei, wie die Behörden in Dresden und Werdau im April 1942 der Witwe mitteilten.[59] Über die Haltung Emil Ackermanns und seine Hinrichtung als Kriegsdienstverweigerer sprachen einige Bewohner seines Heimatortes Werdau respektvoll noch eine Zeitlang nach 1945. „Das Wirken und Sterben meines Schwiegervaters Emil Ackermann“, wie die Schwiegertochter schreibt, ist „in seiner Heimatstadt inzwischen so gut wie vergessen, genauso wie die Tausende anderer Märtyrer im ganzen Land.“[60] Der Abschiedsbrief von Emil Ackermann lautet:
Brandenburg 14.11.1941
Meine liebe Dora!
Man hat es mich heut abend wissen lassen,
Daß meine Wanderung zu Ende geht.
Und daß mein Fuß auf dieser Erde Straßen
[S. 253]
Bis morgen früh noch – wenige Stunden steht.
Wenn Du wirst diese letzten Zeilen lesen,
Dann sei getrost und stark, geliebtes Weib;
Und wisse, daß was ich Euch bin gewesen,
Ich Euch doch immer, nach wie vor verbleib.
Nochmals gedenke ich der trauten Räume
Wo ich mit Euch so froh und glücklich war.
Noch einmal wollen der Erinnerung Träume
Zusammenfassen, Stunden – Tage – Jahr um Jahr –
Einer schönen Zeit erfüllt mit Segensschauern
Göttlicher Güte, bricht des Leides Bann;
Verscheucht des Herzens Mühsal, Weh und Trauern
Die schöne Zeit, von der ich zehren kann.
Ist mir doch jener große Wurf gelungen,
Auf Erden eines Freundes Freund zu sein.
Ein holdes braves Weib hab ich errungen,
Drum misch ich meines Jubels Jubel ein.
Wer auch nur eine Seele auserlesen,
Sein eigen nennt in diesem Erdbereich …
Ja alles, alles bist Du mir gewesen
Liebwerte Seele, Weib und Freund zugleich. –
So auch – ich Dir – innig hast Du geschrieben
Und bin ich’s nimmer, sind’s zwei andre doch;
Du liebest sie, o laß Dich wieder lieben,
So manche einzig schöne Jahre noch. –
Indessen kreist die Erde ihre Bahnen
Und Tag und Jahr verfallen – stehen wieder auf –
Und Freud und Leid und unsrer Hoffnung Ahnen
Schwingen in uns gleichsam im Kreiseslauf.
Der Erdenbälle fünfviertelmillionen,
Sie finden Platz im großen Sonnenball,
Und wieder Millionen solcher Sonnen,
Schwingen und ziehn im weiten Weltenall.
Laß uns dies majestätische Geschehen,
Weislich bedenken – laß uns allezeit,
Das Kleine klein, das Große groß stets sehen
Und Gottes Kraft gibt bis zum Ende das Geleit.
Geliebte! Nochmals danke ich Dir für alles. Deinen lieben Brief v. 9.11. habe ich noch empfangen, freue mich, [S. 254] daß Dir allenthalben so unter die Arme gegriffen wird und ich glaube, daß auch die ewigen Arme Euch starke Stütze bleiben mögen. Es wird ein Trost sein, wenn ich Dir sage, daß ich bis zur letzten Stunde das Wort Gottes haben durfte und Kraft und Frieden. Einen Frieden meine Teure, den ich nicht zu beschreiben vermag.
Bedenke: Auch ich hätte es so haben können wie Rudolf Leistner[61]; wie Inge einmal schrieb: „Kein Unglück ist groß, es kann jedes viel größer sein.“
Wenn mich Mutter, Elly und andere auch nicht verstehen können, ich muß doch immer wieder sagen: „Sein Weg ist grad, sein Weg ist gut …“ Und er war doch so gut, sollte er es plötzlich nicht mehr sein? Sollten wir all das Gute empfangen haben und das … Hiob 2:9, 10.[62] Dieser 9. [Vers] war natürlich immer die Frage, Prüfung und Anfechtung. Auch wegen der Behandlung und der Kost muß ich Dir sagen, daß sie bis zuletzt sehr gut gewesen sind. Auch frieren brauchte ich nie. Allen, die mit mir gebangt gehofft und mich getragen haben auf Händen und im Herzen der Fürbitte mag mein Dank und letzter Gruß gelten.
Sehr freue ich mich, daß ich Dir beim letzten Treffen den Trost geben durfte.[63] Es ist auch mir ein Trost, Deine gesundheitliche Lage gebessert zu wissen. In der Tat mein geliebtes Weib: Wie Deine Tage – so Deine Kraft. Der Segen Gottes macht reich.[64]
Du weißt, daß ich nichts schöneres wüßte als meine geliebten Kinder zu nähren – zu erziehen.
Ich habe wohl nicht nötig, mir Selbstanklagen machen zu müssen, daß ich darin etwas versäumt hätte. Immer wieder [S. 255] habe ich auch hier erklärt, daß ich bereit bin zum Dienst. Eine Waffe bin ich jedoch nicht fähig zu führen und einen Eid konnte ich nicht ablegen als nur auf die Gefahr hin, in höchste Gewissensnot zu geraten.
Bis zuletzt war man bemüht, mir diese Gefahr als nicht vorhanden hinzustellen; aber ich muß doch mein Inneres kennen!
Sieh meine Teure! Wenn ich den Weg erwählt hätte, dann würde es fest stehen, daß ich als kranker Mensch zu Euch zurückgekehrt wäre. Hätte ich damit – einmal von den geistigen Ewigkeitswerten abgesehen – Euch meine liebe Familie einen Nutzen gebracht? Wie Schmid’s Alfons könnte es mir ergehen – ja jedes Unglück konnte noch viel größer sein. –
Wenn ich so schreibe, dann geht es mir wie dem, welcher sagt: Ich halte mich selbst nicht dafür, es ergriffen zu haben u.s.w.[65] Es brennt aber doch in mir der Gedanke, einen würdigen Abschluß gemacht zu haben.
Schwach sind wir und ermangeln des Ruhmes den wir vor Gott haben sollten und dennoch, ich habe das Wunderwort an mir erfahren: Meine Kraft wird in Schwachheit vollbracht; und: laß Dir an meiner Gnade genügen.[66]
Meine Heißgeliebten! Lebet wohl!
Daß ich bei Euch ein gut Andenken habe, daß ist auch eine der Tröstungen die mich bis zuletzt begleiten. Meine besten Wünsche begleiten Euch! Alles Gute, alles Glück sei Euer Teil.
Es gibt ein Wiedersehn.
Auf Wiedersehn!
Euer im Herrn Heimgegangener. [S. 256]
Offenb. 14:13.[67]
Karl Bühler (geboren 11. März 1909) aus Neulußheim wurde im Alter von 31 Jahren als Totalverweigerer, gemeinsam mit seinem Freund und Glaubensbruder Heinrich Ballreich, am 25. Juni 1940 auf dem Schießplatz Wiesbaden-Schierstein (Freudenberg) erschossen und auf dem Wiesbadener Südfriedhof begraben.[68] Der Heimatforscher Hans-Wilhelm Lang aus Wiesbaden-Dotzheim erinnert sich:
„Ganz geheimnisvoll wurde es, als der Schießplatz zum Richtplatz bestimmt wurde. An einem frühen Sommermorgen des Jahres 1942 bogen mehrere Wehrmachtsfahrzeuge und ein Leichenwagen in den Hof des Schießplatzes ein. Sanitäts- und Gerichtsoffizier, ein Geistlicher und das Vollzugskommando waren dabei. Kurz darauf krachte eine Salve in die Stille des Waldes, und von unserem […] Briefträger Wilhelm Diehl, der täglich schwerbeladen den weiten Weg vom Fliederweg bis zu uns zurückzulegen hatte, erfuhr Mutter, daß drei Männer durch Erschießen hingerichtet worden seien. Teilnahmslosigkeit vortäuschend, lauschte ich bei dem Gespräch, das nicht für meine Ohren bestimmt war. Es habe sich um zwei Kriegsdienstverweigerer aus dem Kreis von Bibelforschern und um einen Selbstverstümmler gehandelt, wollte Herr Diehl wissen. […] Zu jener Zeit konnte ich im harten Vorgehen des Staates nichts Verwerfliches finden, denn schließlich erfuhr ich Tag für Tag, [S. 257] daß Tausende an allen Fronten den Soldatentod starben, junge Menschen, die auch allzugern in der Heimat geblieben wären. Weitere Exekutionen auf diesem Schießplatz sind mir nie zu Ohren gekommen.“[69]
Karl Bühler vertiefte sich 1932 in das bibelerklärende Buch Die Harfe Gottes der Zeugen Jehovas, und mit seiner Verlobten Frieda und dem Ehepaar Heinrich und Eva Ballreich tat er sich zusammen, um gemeinsam die Bibel zu lesen. Bevor sie eine öffentliche Zusammenkunft der Ortsgruppe (Gemeinde) der Zeugen Jehovas in Neulußheim besuchen konnten, erging 1933 das Verbot der Religionsgemeinchaft, die Literatur der Gruppe wurde verbrannt, das öffentliche Zusammenkommen mußte eingestellt werden. Karl Bühler war entschlossen, seinem neuen Glauben gemäß zu leben. Nachdem er nicht an der Wahl teilgenommen hatte, wurde er (zusammen mit seiner Verlobten und Eva Ballreich) aus dem Betrieb entlassen; kurz darauf entzog man dem Ehepaar eine Zeitlang die Arbeitslosenunterstützung.
Karl Bühler fuhr im Frühjahr 1934 mit seiner jungen Frau (sie heirateten im Dezember 1933) mit dem Fahrrad nach Mannheim, um den Austritt aus der evangelischen Kirche zu erklären, was das Paar 2 Reichsmark kostete – damals viel Geld für sie, denn sie mußten mit 9 Reichsmark in der Woche auskommen. Sie versammelten sich in den folgenden Jahren heimlich zu Bibelstunden mit Glaubensbrüdern aus Hockenheim und Speyer. Sie gingen trotz Verbot weiter von Haus zu Haus, um das Evangelium zu verkündigen. Man konnte ihnen in dieser Hinsicht jedoch nichts nachsagen, und als die Ehepaare Bühler und Ballreich 1934 gemeinsam verhaftet wurden, sprach das Gericht sie frei. „Später stand ein Artikel in der Schwetzinger Zeitung über die Verhandlung, und es wurde darin erwähnt, daß kein Bibelforscher mehr freigesprochen werden darf, daß Mittel und Wege gefunden werden müssen, um sie zu verurteilen“, erinnert sich Frieda Bühler.[70]
Kurz vor Pfingsten 1936 holte die Gestapo zum Schlag aus, indem sie die Zeugen Jehovas in Neulußheim und Hockenheim verhaftete und ins [S. 258] Gefängnis nach Mannheim schaffte. Beim Verhör warfen die Beamten in Mannheim ihnen ganze Bündel von verbotenen Zeitschriften Wachtturm (das zentrale Sprachrohr der Glaubensgemeinschaft) in den Schoß – Sendungen aus der Schweiz, die die Gestapo auf der Post abfangen ließ. „Wir waren Staatsfeinde Nr. 1 und mußten eine harte Strafe erhalten. Unsere Frage war, was wird mit uns geschehen. Mein Mann und ich wurden zu je 5 und 6 Monate Haft verurteilt. Haus, Vieh, Acker mußten wir zurücklassen. Wir aber dachten an Jesu Worte aus Matth. 19:29.[71] Freundliche Menschen versorgten unser Vieh bis wir nach Hause kamen“, berichtet die Ehefrau. Im Spätherbst 1939, der Weltkrieg war im Gange, unterzog sich das Ehepaar der Erwachsenentaufe der Zeugen Jehovas. Im April 1940 sollen Karl Bühler und Heinrich Ballreich zu den ersten Bürgern von Neulußheim gehört haben, die einen Stellungsbefehl erhielten. Frieda Bühler schildert die Vorgänge, die damit in Gang gesetzt wurden:
„Für meinen Mann und mich brach eine Zeit an, die wir nur im Gebet zu Jehova ertragen konnten. Wir waren sieben Jahre verheiratet und lebten glücklich beisammen. Aber unser Gelübde für Jehova und Jesus Christus gingen uns über alles, wo sollten wir uns hinwenden? Eine Welt voller Teufel und voller Haß – aber der Worte Jesu eingedenk, ‚Fürchtet Euch nicht vor denen, die den Leib töten, danach weiter nichts zu tun vermögen, fürchtet den, der nach dem Töten Gewalt hat, in die Gehenna zu werfen.‘[72] Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein?[73] Wenn es Jehova zuläßt, daß mein Mann sterben sollte, so wird er auch den Ausgang schaffen, und in der Hoffnung auf eine Auferstehung, die bei uns tiefe Wurzel gefaßt hatte, legten wir alles in seine Hand. Am 5. Mai 1940, an einem Sonntag, holten sie meinen Mann ab. Ich wußte nicht, wohin sie ihn brachten. Bruder Ballreich wurde ein paar Tage später abgeholt, und die beiden gingen gemeinsam den gleichen Weg. Schwester Ballreich fuhr nach Mannheim auf das Werkkommando, und dort erfuhr sie, daß unsere beiden Männer nach [S. 259] Wiesbaden gebracht wurden und vor ein Kriegsgericht gestellt wurden. Sie erhielt eine Besuchserlaubnis, um ihren Mann zu beeinflussen und umzustimmen.[74] Kurz entschlossen fuhren wir beide nach Wiesbaden. In der Gustav-Freytag-Straße, wo in einer Judenvilla das Kriegsgericht untergebracht war, mußte ich mir eine Erlaubnis einholen, um zu meinem Mann zu kommen.
Ich ging zu dem zuständigen Hauptmann und brachte mein Anliegen vor. Er sagte zu mir: ‚Wissen Sie, daß Ihr Mann mit seinem Kopf spielt und daß auf Wehrdienstverweigerung die Todesstrafe ruht!‘ Ich erwiderte ihm, das wir mit Jehova Gott im Bundesverhältnis stünden und daß er zu entscheiden hätte zwischen Leben und Tod. Daß wir in diesem weltlichen Krieg eine neutrale Stellung bezogen hätten. ‚Ja, sind Sie denn verrückt geworden? Sie sind ja auch so eingestellt wie Ihr Mann, und dann soll ich Sie zu Ihm lassen?‘ Nach langem Bitten gab er mir die Besuchserlaubnis unter der Bedingung, daß ich meinen Mann beeinflussen soll, den Wehrdienst anzunehmen. Ich weiß heute nicht mehr, wie ich zu Schwester Ballreich kam, die unten auf der Straße auf mich wartete. Ich weinte und sagte zu ihr: ‚Unsere Männer werden erschossen, du wirst schon sehen. Du wirst sehen, die sind grausam und ohne Gnade – was gilt denen ein Menschenleben – wo sie schon so viele von unseren Brüdern umgebracht haben.‘
Am Sonntag morgen durfte ich dann zu meinem Mann. Das war ein Wiedersehen – ich kann es nicht schildern, es war so traurig. Er fragte mich nur: ‚Warum kommst Du?‘ Ich sagte ihm, ich sollte ihn beeinflussen. Aber er tröstete mich und gab mir den biblischen Rat, nicht traurig zu sein wie die Übrigen, die keine Hoffnung haben,[75] sondern ich soll mein ganzes Vertrauen auf unseren Gott Jehova setzen. [S. 260] Er wird alles lenken und leiten, und so durfte ich zehn Minuten bei ihm sein. Ein junger Gerichtsschreiber, der uns beide – Schwester Ballreich und mich ins Gefängnis begleitete – gab uns den Rat, wir sollten bis Dienstag bleiben, denn da wäre die Hauptverhandlung. Wir würden ihr bestimmt beiwohnen dürfen, und so blieben wir bis Dienstag morgen um 9 Uhr.[76]
Wir warteten auf der Straße, bis unsere Männer mit zwei Soldaten mit aufgepflanzten Gewehren wie zwei Schwerverbrecher durch die Stadt geführt wurden. Engel und Menschen ein Schauspiel.[77] Schwester Ballreich und ich sprangen auf der Straße neben ihnen her bis zur Gustav-Freytag-Straße. Wir konnten dann bei der Verhandlung zugegen sein. Es dauerte nicht mal eine Stunde, wo zwei unbescholtene brave Männer, was das Gericht durch die Neulußheimer Gemeinde bestätigt erhielt, zum Tode verurteilt wurden. Nachdem sich das Gericht zur Beratung zurückgezogen hatte, wurde das Urteil verkündet – zum Tode wegen Wehr[kraft]zersetzung. Ohne ihnen Gelegenheit zur Verteidigung zu geben, mußte eine harte Strafe ausgesprochen werden zur Abschreckung für andere. Ein junger Offizier ergriff nochmals das Wort und sagte: ‚Wenn jeder den Wehrdienst ablehnen würde, kämen die Schwarzen herein und würden unsere deutschen Frauen schänden …‘
Nach der Verhandlung durften wir – Schwester Ballreich und ich – ca. zwei Stunden im Erdgeschoß mit unseren Männern beisammen sein. Es war für uns eine Gnadenfrist. Bis dahin kann ich nur noch berichten, daß wir beide [S. 261] in der Stadt Wiesbaden umherirrten wie zwei verlorene Schafe und daß ich auf der Heimfahrt nur noch weinte und weinte. Es brach für mich alles zusammen, und ich meinte Harmagedon müsste kommen.[78] Aber es ging weiter.
Kurze Zeit darauf erhielten wir nochmals beide die Aufforderung, unsere Männer zu besuchen, um sie umzustimmen.[79] Bei meinem zweiten Besuch wurde in meinem Beisein auf meinen Mann eindringlich eingeredet, er solle doch den Wehrdienst annehmen. Der Hauptmann, der selbst zugegen war, sagte: ‚Herr Bühler, ich gebe Ihnen nochmals die Gelegenheit, doch den Sanitätsdienst anzunehmen – sehen Sie doch ihre junge Frau!‘ Aber mein Mann sah mich an und gab die Erklärung: ‚Sanitätsdienst ist Kriegsdienst. Ich habe mit Jehova einen Bund geschlossen und diesem bleibe ich treu, solange Odem in mir ist.‘ Das waren die letzten Worte, die ich von ihm lebend hörte. Die Akten wurden geschlossen. Wir nahmen Abschied für das jetzige Leben und trösteten uns einander, daß wir uns bald in der neuen Welt wieder sehen würden. Auch von Bruder Ballreich konnte ich noch Abschied nehmen. Er war so ein lebenslustiger Mensch – aber er hatte einen starken kindlichen Glauben so wie wir alle. Er sagte noch zu uns: ‚Kopf hoch, seid mutig und stark[80] – wenn Jehova es nicht zulässt geht keine Kugel aus dem Rohr.‘ Das waren auch seine letzten Worte. Aber Jehova ließ die Prüfung zu.
Nicht lange darauf erhielten wir ein Schreiben, daß unsere beiden Männer am 25.6.1940 morgens um 5 Uhr auf dem Freudenberg ihr junges Leben beendeten. Mein Mann war 31 Jahre alt. Das Kriegsgericht teilte uns noch in dem [S. 262] Schreiben mit, daß ihr letzter Ruf war: ‚Es lebe Jehova.‘ Die beiden wurden auf dem Südfriedhof dann unter fünf Tannen ganz außen an der Friedhofsmauer unter vielem Gestrüpp beerdigt, wie zwei Verbrecher.[81] Die Zeit von 1940 bis 45 lief weiter. Mit Unterstützung derer, die noch auf freiem Fuß waren, konnten wir die schwere Zeit ertragen und überstehen. Heimlich kamen wir zusammen, um uns gemeinsam zu trösten und zu ermuntern. [Das waren] die Brüder aus Speyer, die meisten [anderen] waren im KZ.“
Karl Bühlers Abschiedsbrief lautet:
24.6.40
Mein einzig Lieb! Im voraus viele Grüße u. Küsse. Des Herrn reichen Segen auf allen Deinen Wegen. Ob dieses die letzten Zeilen sind, sehr wahrscheinlich. Denn morgen kommen wir von hier weg. Der Vorsteher der Anstalt sagt, daß wir morgen früh hier abgeholt werden. Meine liebe Frieda, Du weißt ja, wir haben einen lebendigen Gott, er kann entscheiden über Leben u. Tod. So wir nun unser Leben aufgeben müssen, so wissen wir, daß ohne seinen Willen nichts geschieht, nicht ein Haar auf dem Haupte wird uns gekrümmt ohne seinen Willen. Wollen wir deshalb alles auf ihn werfen, er wird alles lenken wie es für uns das Rechte ist, er kann uns aus dem Tode auferwecken, und uns in seinem wunderbaren Lichte führen. Wir wollen uns fügen in allem, [und] was sein Wille ist, soll uns heilig sein. Bis hierher hat der Herr mir seinen Beistand gegeben, so will ich ihn bitten, daß er auch mit mir sein möge bis zum letzten Atemzuge. Denn wir wissen, daß dadurch das Wort sich erfüllet, indem wir treu bis zum Schluß sind und daß diese, die so an uns handeln, dazu beitragen, daß das Wort sich erfüllet. Wir, die wir jetzt leben, sind dazu auserkoren, die [S. 263] restlichen Leiden des Christus zu tragen[82]. Eines aber ist gewiß, haben wir mit Ihm gelitten, so werden wir auch mit ihm herrschen, und werden teilhaben an seinem Reiche[83]: Siehe der neue Himmel ist geschaffen, und die neue Erde[84] wird gebildet; wie soll die neue Erde bestehen, es sei denn durch Prüfung[85]. Meine liebe Frieda, ich weiß, es ist hart für Dich, aber auch Du wirst alles zu tragen vermögen, so Du Dein Vertrauen auf den Herrn setzest. Er gibt Kraft dem Schwachen, er tröstet den Trauernden. Noch thront der Herr über allem, sein Wort hat es verheißen, er wird ausführen, was er befohlen. Sein Königreich wird uns vereinen. Da wird dann alle Not ein Ende haben, auch ein Ende wird es haben mit allen seinen Widersachern. Jehova führt ein scharfes Schwert[86]. Es wird durchdringen, durch allem Widerstand, er wird den Nationen das Recht kund tun[87]. Er [S. 264] wird alles unrecht vergossene Blut fordern[88]. Er wird rächen, die Uebertretungen des ewigen Bundes[89]. Das Menschenleben ist geheiligt[90], wehe denen, die Blut vergießen aus Frevel und Bosheit[91]. Ich will heimsuchen den Erdkreis, den sie entweiht haben um ihres Frevels Willen[92]. Wehe der Christenheit, die das Wort seines Mundes besitzt und doch Frevel übt; wie schwer wird sie der Herr heimsuchen. Liebe Frieda, nochmals recht herzliche Grüße an alle meine Geschwister, ich küsse sie mit dem heiligen Kusse[93]. Möge mir niemand böse sein über mein Handeln, mögen alle zu verstehen suchen, warum ich so handele. Ein kurzes noch und die Erde wird heimgesucht werden. Dann werden alle erkennen müssen, wer der Herr der Herren ist, und der König der Könige[94]. Das Königreich, unsere einzige Hoffnung, wird uns vereinen für alle Zeiten zum Ruhme seines Namens. Nochmals viele Grüße und Küsse auch an Mutter und Geschwister. Dein Karl. Es gibt ein Wiedersehn!
[S. 265]
Der Elektriker Bernhard Grimm aus Baltmannsweiler bei Esslingen (geboren am 14. Mai 1923 in Blankenloch bei Karlsruhe) starb am 21. August 1942 unter dem Fallbeil im Zuchthaus Brandenburg-Goerden.[95] In Baltmannsweiler erinnert heute die „Bernhard-Grimm-Straße“ an den 19jährigen Zeugen Jehovas.[96]
Bernhard Grimm verfaßte in Haft vor seinem Tod zahlreiche Briefe und Gedichte – im Gegensatz zu anderen Gefangenen durfte er als Kriegsdienstverweigerer Schreibpapier besitzen. Wie er in einer Kurzchronik festhielt, waren seine Haftstationen zunächst Ludwigsburg (Verhaftung am 15. April; Kasernenarrest) und Berlin (Vernehmungen am 26. Mai und 18. Juni; Hauptverhandlung vor dem 2. Senat des Reichskriegsgerichts am 14. Juli).[97] Die Worte, mit denen er die Besuche der Eltern und seines Bruders Karl vermerkte, spiegeln die enge familiäre Bindung wieder: „26. Juli 1942 – Letzter Besuch von meinen, ach so lieben Eltern.“ [98]
Seine Mutter, die Zeugin Jehovas Magdalene Grimm, erinnerte sich fast 30 Jahre später an ihren „Bernde“: „Seine letzten Briefe aus dem Gefängnis, die er uns unzensiert durch wunderbare Fügung übergeben konnte, habe ich bis nach der Hitlerära in einem Beutel auf der Brust getragen aus Furcht vor Hausdurchsuchungen.“[99] Seine Eltern hatten nämlich Besuchserlaubnis „mit Umarmung“ erhalten, so daß „Bernde“ seiner Mutter heimlich hauchdünne, eng beschriebene Briefe zustecken konnte. Einige als „harmlos“ eingeordnete Briefe kamen allerdings problemlos [S. 266] durch die Zensur, und seine letzten Mitteilungen befanden sich später in den Fußstützen, die nach der Hinrichtung mit anderen Affekten an die Eltern gesandt wurden – auch sein letzter Brief vom 20./21. August 1942.[100] Der evangelische Militärseelsorger Werner Jentsch begegnete Bernhard Grimm, den die Schließer als „unbelehrbaren Bibelforscher“ bezeichneten, „eines Nachts im Zuchthauskeller von Brandenburg“, wenige Stunden vor dessen Tod. In seinem Erinnerungsbericht schreibt Jentsch:
„Der Junge machte einen prachtvollen Eindruck. Er war ruhig und gefaßt. Nur unmerklich zitterte etwas in ihm von der Erregung, die solchen todeskalten Nächten eigen zu sein pflegt. Er zeigte mir die Fotos seiner Angehörigen. Ich hatte ihn bei der Lektüre der Bibel überrascht. Das Gespräch konnte schnell zur eigentlichen Mitte vorstoßen. Wir verstanden uns bald.“[101]
Bernhard Grimm erwähnt diesen Besuch in seinem letzten Brief kritisch, da der Pfarrer ihn mit Argumenten umzustimmen suchte, die er nicht teilen konnte – zum Beispiel, daß das Alte Testament „ein Geschichtsbuch der Juden“ sei. Aus der Sicht des Militärgeistlichen geschah folgendes:
„Laut kriegsgerichtlicher Maßnahmen durfte er, noch notfalls in der letzten Nacht, einen Zettel schreiben und darauf seine Bereitschaft zum Kriegsdienst und zur Eidesleistung bekunden. Er hätte sein Leben retten können, und unser Gespräch war praktisch die letzte Chance, ihn umzustimmen. Wir haben Text um Text in der Heiligen Schrift ernstlich durchgenommen. Er wollte es sich alles noch einmal überlegen. Dann ließ ich ihn allein mit seinem Herrn. [S. 267] Als ich in den frühen Morgenstunden wiederkam, war er ganz reif und klar: er unterschrieb den Zettel nicht.“[102]
Den letzten Akt schildert Jentsch wie folgt:
„Bernhard kam als erster dran, weil er der Jüngste war. Vor der Stufe zum Hinrichtungssaal, der provisorisch in einem Schuppen angelegt war, mußten wir warten. Jede Minute schien wie eine Ewigkeit. […] Bernhard schritt die schwere Stiege gefaßten Schrittes hoch. Er ließ seinen Kopf fallen, nicht nur in einen Sägemehleimer. Der Kopf fiel tiefer, viel tiefer, unendlich tiefer – in die Arme seines Heilands.“[103]
Wenige Stunden vor seiner Hinrichtung schrieb Bernhard Grimm an seine Eltern und seinen Bruder Karl folgenden Brief:
Liebste Eltern, liebster Karl!
Psalm 126;[104] Offenb. 21:1-7;[105] 1. Kor. 13:13;[106] Römer 8.[107]
[S. 268]
„Danket dem Herrn, denn er ist freundlich und seine Güte währet ewiglich!“[108]
Meine Liebsten, tut es trotz Eurem Schmerz mir zuliebe, denn nun liegt alles Schwere hinter mir. Ja, bis Euch diese Zeilen erreichen, hat mich der Herr und Meister in seine Herrlichkeit aufgenommen.[109]
Meine Liebsten, wir können ihm wahrhaftig nicht genug danken, denn wie wunderbar war und ist er doch mit uns. Obwohl ja eigentlich keine Aussicht auf ein nochmaliges Wiedersehen bestand, ließ er es zu. Ja, als ich Euch, liebste Eltern, erblickte, war es für mich gar nichts Außergewöhnliches. Er ließ es zu, daß wir uns gekräftigt trennen durften und nicht in Verzweiflung.[110] Ja, es war eigentlich nur ein Abschiednehmen im Hinblick auf ein baldiges frohes Wiedersehen.[111] [S. 269] Oder kam es Euch nicht so vor? Ich bin ja so ungemein dankbar, daß Ihr, meine Liebsten, auch seine Güte erfahren durftet und gefaßt seid. Hier möchte ich aber noch einflechten und festnageln, daß es mein freier Wille ist, unserem Schöpfer die Treue mit dem Leben zu besiegeln. Denn, nachdem Ihr weg wart, beschuldigte man Euch, Ihr seid für meinen Schritt verantwortlich. Sagt nicht die Heilige Schrift, daß jeder für sich selbst stehen muß?[112] Ja nicht Ihr, sondern diese Stätte und der täglich gleiche Rhythmus, sowie die Verwerfung der ganzen Heiligen Schrift, Christus Jesus als „Saujude“ usw. gaben mir die letzten Bestätigungen von Gottes Wort, das ...[113] ein evangelischer Pfarrer, der mich besuchte (das alte Testament)[,] als ein Geschichtsbuch der Juden bezeichnete und die Auslegung der Offenbarung als sehr gefährliche Geschichte und den Tag des Gerichts in ungewisse Fernen rückte, nun, vor der Erfüllung. Meine Liebsten! Wir können immer nur danken, daß alles schon so weit vorgerückt ist.[114] Die ganze Erkenntnis bekam ich, als man mir die ganze Heilige Schrift gewährte. Denn nur um ein Beispiel zu nennen: Wie wunderbar ergänzt sich Daniel mit der Offenbarung des Herrn.[115] Ja, er läßt wahrhaftig jedem, der [S. 270] an ihn glaubt und sucht, sein Vorhaben und seinen Frieden widerfahren.
Nun noch kurz die vergangenen Tage. Nach dem ersten kurzen Schreck, der ja schließlich begreiflich ist, nahm mich unser himmlischer Vater auf mein Bitten und Vertrauen auf ihn um so fester bei der Hand. Sein Friede hat mich nicht mehr verlassen. Als ich hier meine Bibel das erstemal aufschlug, (wieder) stand Psalm 86:11[116] vor mir, und nach diesem Satz habe ich gehandelt.
Meine Liebsten, kann es etwas Höheres geben, als für unseren allmächtigen Schöpfer, Jehova Gott, und unseren Erlöser, Christus Jesus, alles zu geben? Als für Liebe und Treue zu sterben? Ja, ist es denn ein Sterben für immer? Haben wir nicht die Hoffnung durch unseres Herrn Opfertod auf ein ewiges Leben und auf ein baldiges Wiedersehen? Da können wir nur dankbar Hebräer 10:19-23[117] teilen?
Seht, meine Liebsten, es ist nun schon Mitternacht vorbei, noch habe ich Zeit zurückzutreten. Ach, könnte ich in dieser Welt nach Verleugnung des Herrn noch einmal glücklich werden? Ich glaube n i e. – Aber so habt Ihr die Gewißheit, daß ich glücklich und in Frieden von dieser Welt scheide. So schwer mir die Trennung fiel, so ließ mich doch unser Herr alles überwinden, und so bin ich keineswegs traurig oder gar verzweifelt, sondern genau das Gegenteil. Möge er auch Euch alles überwinden lassen. Euch alles, was Ihr mir Gutes und Liebes getan habt, möge er vielfach vergelten und froh und frei in die Zukunft gehen lassen, dem Reiche des allmächtigen Schöpfers entgegen.
Liebste Eltern, was habt Ihr nicht alle um mich Sorge getragen, und liebster Karl, was hast Du mir nicht alles [S. 271] Gute getan. Möge Euch Jehova alles, seiner Verheißung, Güte und Barmherzigkeit gemäß, zurückerstatten, aber auch all denen, die uns so lieb zur Seite standen.
Hoffentlich bekommt Ihr als kleine Vergeltung die Gedichte, Zeichnungen, und den Brief, von dem ich Euch erzählte.
Meine Liebsten, was soll ich Euch noch sagen, immer nur Dank, und daß ich Euch sagen will und zeigen, wie wunderbar unser Erlöser und unser himmlischer Vater ist. Vertraut restlos, so werdet auch Ihr seine Herrlichkeit ganz erfahren. Werdet nie traurig, denn wir sehen uns ja bald für immer wieder.
Ach – was sind auch Worte – aber auch da wird unser treuer Mittler Euch wissen lassen, was ich jeweils sagen will.
Nun, meine Liebsten, gibt es k e i n Z u r ü c k mehr, noch sind es zweieinhalb Stunden, aber die Entscheidung ist gefallen. Alles Schwere, alles Leid ist überwunden, aber alles durch den, der mächtig macht, Jesus Christus.
Und nun, Gott befohlen! Ihm und unserem Erlöser sei ewig Dank, Ruhm und Anbetung, ewige Majestät und ewiges Reich[118].
Nochmals die herzinnigsten Grüße und Küsse, den herzlichsten Dank, und auf baldiges, frohes Wiedersehen im Reiche unseres Herrn.
Seid stark, denn ich bin ja nicht verloren, sondern kann wie Paulus sagen: „Ich habe Glauben gehalten, ich habe den Lauf vollendet, hinfort wird mir beigelegt sein die K r o n e d e s L e b e n s.“[119]
[S. 272]
Darum: „Frisch drum voran zur Ehre Jehovas und Jesu Christi.“[120]
Nochmals die allerherzlichsten Grüße und Küsse
Euer Euch heißliebender, [gez.] Bernd.
Zum Abschied noch 1. Korinther 1:3-9.[121]
Komm mit zur Ruh
Komm mit! Komm mit! zur Ruh – zur Ruh!
Laß Lieb und Glück in Trübsal hier zurück,
Denn alles ja vergänglich ist,
nur eins auf Ewigkeit gegründet ist
Gottes Wort – ja – Gottes Wort!!!
Dem Tag entgegen
Nun scheint die Freiheit endgültig wegzusinken,
Allein der Allmächtige, er wacht!
Drum eil’ ich fort, ihr ew’ges Licht zu trinken!
Hinter mir die vergängliche dunkle Nacht,
und vor mir der immerwährend – junge Tag –!
Auf Wiedersehn
O – daß doch alle unsere Kraft
Die so vergeblich oft geschafft
Hinfort dem einen Zweck geweiht
Zu preisen seine Herrlichkeit.
Drum bleibet treu, denn in großer Not [S. 273]
Ist stets bei Euch unser Gott
Drum bleibet treu!!!
Kurze Zeit nachdem ab September 1939 die durch die NS-Militärjustiz veranlaßten Hinrichtungen von Zeugen Jehovas unter ihren Glaubensbrüdern im Land bekannt geworden waren, begann der Inhalt von Abschiedsbriefen der Getöteten bereits unter den deutschsprachigen Mitgliedern der Religionsgemeinschaft weite Verbreitung zu finden. Die Hinterbliebenden hüteten die Briefe wie einen Schatz und lasen sie zum Trost, entweder allein für sich oder in der Gruppe. Zeugen Jehovas, die sich in Freiheit befanden, schrieben die Briefe ab und reichten sie heimlich weiter – zur eigenen Glaubensstärkung und zur Ermutigung anderer. Die Briefe wurden vor allem durch die im Untergrund vervielfältigten regulären Wachtturm-Schriften und durch andere monatliche Untergrundschriften bekannt, die unter den Glaubensbrüdern in Deutschland kursierten. Sie waren aber auch in bescheidenem Umfang selbst Gegenstand von mindestens zwei Rundschreiben, wie „Fürchtet euch nicht“ und „Briefe, Nr. 4“, worauf unten eingegangen wird.
Bis kurz vor Ende des NS-Regimes finden die Briefe Erwähnung in Anklagen und Urteilen der deutschen Justiz, so zum Beispiel in der Nachtragsanklage des Berliner Generalstaatsanwalts vom 10. Dezember 1944 gegen Annemarie Kusserow:
„Bei diesen Schriften handelte es sich, wie die Angeschuldigte angibt, insbesondere um die Wachttürme ‚Daniel‘ und ‚Micha‘ und um solche Mitteilungsblätter, in denen Briefe veröffentlicht waren, die angeblich zum Tode verurteilte Bibelforscher vor der Hinrichtung geschrieben hatten. […] Die Angeschuldigte selbst hat sich insbesondere für die Schriften interessiert, in denen die Verweigerung des Wehrdienstes verherrlicht war, und zwar deshalb, weil ihre beiden Brüder gleichfalls wegen Verweigerung des Wehrdienstes hingerichtet sind.“[122]
Für die Vervielfältigung und Weitergabe der Abschiedsbriefe waren leitende Zeugen Jehovas im Untergrundwerk verantwortlich, die sich um [S. 274] die Vervielfältigung von religiösen Wachturm-Artikeln und dem zusätzlichen, selbst verfaßten monatlichen Informationsblatt, dem „Mitteilungsblatt der deutschen Verbreitungsstelle des W.T. an alle treuen Zeugen Jehovas Deutschland“[123], kümmerten. Zu ihnen gehörten Ludwig Cyranek (Februar 1939 bis Februar 1940), Julius Engelhard (Juni 1939 bis April 1943) und Narciso Riet (1942 bis April 1944) sowie Gerhard Schumann (1942 bis Februar 1944); zahlreiche andere Zeugen Jehovas beteiligten sich an der Verbreitung der Artikel und Rundschreiben.[124]
Die „Drucker“ hängten die Texte von Abschiedsbriefen an Wachtturm-Artikel, wenn sie auf der letzten Seite einer Untergrundausgabe Platz hatten. Das war bei der vierten Nummer der siebenteiligen Untergrundschrift „Biblische Betrachtung. Die Prophezeiung Daniels“ der Fall.[125] Die sieben Teile der Untergrundschrift – nur die Nr. 4 enthält einen Abschiedsbrief – werden in der Anklage gegen den Augsburger Georg Halder und andere Zeugen Jehovas aufgezählt, wobei der Generalstaatsanwalt in München feststellt: „Auf Seite 7 oben wird die deutsche Judenpolitik angegriffen. Auf Seite 10 wird ein Brief eines angeblich wegen Wehrdienstverweigerung Hingerichteten gebracht.“ Halder wird vorgeworfen, die Schriften in München abgeholt und seit dem Frühjahr 1942 in Augsburg verbreitet zu haben. „Soweit sie Flugschriften verbreiteten, mussten sie damit rechnen, daß diese weiteren [S. 275] Kreisen zur Kenntnis gelangen würden“, heißt es in der Anklage gegen ihn und andere Zeugen Jehovas.)[126] Eingeleitet ist die Abschrift des undatierten Briefes mit den Worten: „Brief eines Zeugen Jehovas an seine Mutter geschrieben nach der Verkündigung des Todesurteils (Militärdienstverweigerung).“ Der anonym 1942 in Umlauf gebrachte Text kann dem Abschiedsbrief von Bruno Grundmann („Mit Ungeduld wirst Du diesen Brief erwarten, und bitte Dich schon im Voraus nicht zu erschrecken.“) zugeordnet werden und datiert, wie wir heute wissen, vom 18. Juli 1941.[127]
Ludwig Cyranek ließ bereits 1939/1940 die ersten Abschiedsbriefe von zum Tode Verurteilten zu seinen Glaubensbrüdern in die Niederlande senden. Der Adressat war Arthur Winkler, der „Reichsleiter“ oder Koordinator für das Untergrundwerk der Zeugen Jehovas in Deutschland. Sicherlich trug er dazu bei, daß die Inhalte von da an in die deutschen Untergrundschriften der Zeugen Jehovas Aufnahme fanden. Das Sondergericht Stuttgart warf am 20. August 1940 der Zeugin Jehovas Maria Hombach, die Ludwig Cyranek als Sekretärin in Stuttgart eingesetzt hatte, vor:
„In den Schreiben an Winkler hat die Maria Hombach diesem im Auftrag von Cyranek Tätigkeitsberichte gesandt, Adressen mitgeteilt und die Lage der Bibelforscher in Deutschland geschildert. Unter anderem hat sie an Winkler von angeblichen Erschiessungen von Wehrdienstverweigerern berichtet. Auch hat sie einen angeblichen Abschiedsbrief eines gewissen Wilhelm Schenk aus Neckarsulm, der hingerichtet worden sein soll, dem Winkler mitgeteilt. Im übrigen hat sie auch 5 Abschriften dieses Briefes in Stuttgart verteilt.“[128]
Die NS-Justiz klagte den zum Tode verurteilten Julius Engelhard an: „Außerdem vervielfältigte er Vorträge des Begründers der Internationalen Bibelforscher-Vereinigung Rutherford, ein Bibelforscherlied und Zusammenstellungen von Briefen [S. 276] verhafteter und zum Tode verurteilter Mitglieder der Vereinigung. Davon stellte er je etwa 100 Abzüge her.“[129] Mit der Zeit wußten Polizei und Justiz um die Wirkung der abgeschriebenen Briefe der Hingerichteten und zählten sie unter die verbotene Bibelforscher-Literatur. Der Oberstaatsanwalt in Wien, der dem Angeklagten Josef Niklasch vorwarf, „in der Zeit vom Dezember 1939 bis März 1940 […] etwa 70 Bibelforscherschriften“ hergestellt zu haben, führte in der Anklageschrift aus:
„Unter den von Niklasch hergestellten Bibelforscherschriften befinden sich insbesondere solche, die Abschiedsbriefe hingerichteter Kriegsdienstverweigerer wiedergeben. Der Angeschuldigte gibt den vorstehenden Sachverhalt zu und bekennt sich noch heute als Zeuge Jehovas. Er erklärt, dass er nie Kriegsdienst mit der Waffe oder Arbeit in einer Waffen- oder Munitionsfabrik leisten würde.“[130]
In Magdeburg war es der Chiropraktiker Wilhelm Schumann, der 1943 zusammen mit seinem Sohn Gerhard in der Praxis Untergrundschriften herstellte, darunter die Vervielfältigung „Briefe von 18jährigen, die ihres Glaubens wegen hingerichtet worden sind“.[131] Der Inhalt solcher Briefe war meist verkürzt oder zusammengefaßt verbreitet worden, was eine Anklageschrift vom November 1944 hervorhebt, wobei der Generalstaatsanwalt beim Kammergericht in Berlin klagt: „Andere Werbeschriften fassen den Inhalt von Briefen, die angeblich von wegen Verweigerung des Wehrdienstes zum Tode Verurteilten herrühren, und in denen die Kriegsdienstverweigerung verherrlicht wird, zusammen.“[132]
Eine Anzahl Originalbriefe erreichten Verwandte, die sich als Verfolgte aus Glaubensgründen selbst in Haft befanden. Helene Krause beschrieb 1953, wie sie den letzten Brief ihres verurteilten Ehemannes Max Krause („Nun, liebes Lenchen, gute Nacht und recht innige Grüße und [S. 277] Küsse von Deinem Muschi. Weine nicht über mich, halte, was Du hast […]“) erhalten hatte: „Mir wurde nach der am 25.10.1941 erfolgten Hinrichtung das Urteil und der letzte Brief meines Mannes vom 24.10. in das Gefängnis Barnimstraße zugestellt. [...] In seinen letzten Zeilen brachte mein Mann nochmals seine religiöse Überzeugung zum Ausdruck, in der er seinen ganzen Trost fand.“[133] Der letzte Brief, den Elisabeth Bernecker im Juni 1942 von ihrem Mann Heinz Bernecker aus dem Zuchthaus Brandenburg bekam („Mein inniggeliebtes Lieselein! Noch einmal ist es mir erlaubt, Dir ein paar Zeilen zu schreiben.“), trägt den Stempelaufdruck „Postzensurstelle F.K.L. Ravensbrück“ – die letzten Liebesgrüße ihres Mannes und sein „Auf Wiedersehen!“ erhielt die Ehefrau als Gefangene eines Frauenkonzentrationslagers.[134] Der KZ-Häftling Gustav Auschner „erhielt in Neuengamme zweimal Abschiedsbriefe von seinen zwei Söhnen“, berichtet sein Mithäftling Willi Karger, womit er sich auf Kurt Auschner (1942) und Rudolf Auschner (1944) bezieht (siehen unten) und schreibt:
„Beide sollten wegen Verweigerung von Militärdienst erschossen werden. Beide Söhne waren christlich erzogen im Glauben an Jehova und sein Königreich gefestigt und daher ihre Verweigerung, diesem verderbten System zu dienen. Wir konnten alle noch deren Abschiedsbriefe an ihren Vater, Br[uder] Auschner, mit zur Kenntnis nehmen. Es waren dies zu Herzen gehende Worte ihres Abschieds von dieser blutbefleckten Welt, mit dem Hinweis verbunden, auf ein gerechtes Gericht und gewißlichem Aufstehen für Gerechte in der vollkomm[enen] neuen Welt. Es waren in Wirklichkeit die köstlichsten Zeugnisse zum Ruhme und [zur] Rechtfertigung des Höchsten und in Beantwortung der Streitfrage, wie auch beitragend zur stärkenden Ermutigung für alle Brüder, die noch hinter Gittern verblieben. Br[uder] [S. 278] Auschner ertrug allen Schmerz abgeklärt, gefaßt und vorbildlich.“[135]
Kurt Ropelius erinnert sich an seine Haft im Konzentrationslager Bergen-Belsen und an die Wirkung eines Briefe auf ihn und auf seine Mitgefangenen:
„Einem Bruder, der Tiefbauarchitekt war, gelang es, über einen Zivilisten, mit dem er zusammenarbeiten mußte, Verbindung mit Brüdern draußen aufzunehmen. Diese übermittelten uns geistige Speise und außerdem eine Abschrift eines Briefes, von einem zum Tode verurteilten Bruder. Die ermunternden und trostreichen Worte, die feste christliche Einstellung der Neutralität, die kristallklare Vision der schon herrschenden Regierung Gottes unter dem König Christus Jesus und die felsenfeste Hoffnung auf Auferstehung, verbunden mit einer herzhaften und innigen Begrüßung seiner geliebten Frau, trieben uns allen die Tränen in die Augen; aber wir priesen Jehova für die Macht und Kraft seines Geistes, die er dem todgeweihten Bruder gegeben hatte. Dieses Erlebnis stärkte uns sehr und festigte unseren Glauben in Jehova Gott!“[136]
Ein Abschiedsbrief konnte zum Gegenstand polizeilicher Ermittlungen werden, wenn er Hinweise auf den Absender oder Empfänger enthielt. Unter dem bei Julius Engelhard „vorgefundenen Schriftenmaterial befanden sich mehrere handgeschriebene Briefe, die ihm nach seinen Angaben von seinem unbekannten Auftraggeber zur Auswertung übergeben worden waren. Darunter waren auch drei anonyme Abschiedsbriefe von wegen Kriegsdienstverweigerung zum Tode verurteilten Anhängern der I.B.V. In 2 Fällen konnten durch die Staatspolizeistelle München Absender und Empfänger festgestellt werden. Nach dem Schreiber des 3. Briefes sind die Ermittlungen noch im Gange“, heißt es in einem geheimen Düsseldorfer Gestapo-Bericht vom 26. August 1943 an das Reichssicherheitshauptamt in Berlin.[137]
[S. 279]
Briefe von hingerichteten Verwandten wurden im kleinen privaten Kreis zur gegenseitigen Erbauung verlesen. Das Oberlandesgericht München klagte am 28. Februar 1945 den Bäcker Gerhard Hempel aus Weißenberg, seine Frau Maria und eine weitere Zeugin Jehovas aus Sachsen unter anderem an: „An Pfingsten 1943 fand in seiner Wohnung eine Bibelbesprechung statt, bei der Walter Hempel aus Briefen seines wegen Heeresdienstverweigerung [1942] hingerichteten Schwiegersohnes [Walter Karl] Schäfer vorlas und in denen die Ablehnung des Fahneneides verherrlicht wurde.“