Johannes S. Wrobel: Eine "empörende Faktensammlung" - das Buch "Kreuzzug gegen das Christentum" 1938 als Zeitdokument der NS-Verfolgung von Zeugen Jehovas. Unveröffentlichtes Manuskript.

Wrobel, Johannes: Eine "empörende Faktensammlung" - das Buch "Kreuzzug gegen das Christentum" 1938 als Zeitdokument der NS-Verfolgung von Zeugen Jehovas, in: Hubert Roser (Hg.): Vergessene Opfer - Die Zeugen Jehovas, der Nationalsozialismus und die Schweiz, Herisau (Schweiz) (2001, Druck in Vorbereitung / geplant).


Übersicht

Entstehungsgeschichte, Autorenschaft

Inhalte

Rezeptionsgeschichte

Schluss


Text des Manuskripts
(ohne Anmerkungen – diese sind einem künftigen, gedruckten Exemplar zu entnehmen)

Eine "empörende Faktensammlung"
das Buch "Kreuzzug gegen das Christentum" 1938
als Zeitdokument der NS-Verfolgung von Zeugen Jehovas

Der seit 1933 im Schweizer Exil lebende deutsche Schriftsteller Thomas Mann schrieb am 2. August 1938, kurz vor seiner Emigration in die Vereinigten Staaten, an den Leiter des Bibelhauses der Zeugen Jehovas in Bern, Martin Christian Harbeck (1891-1965):

"Ich bin Ihnen noch Dank schuldig für das Geschenk Ihres Buches ‚Kreuzzug gegen das Christentum‘, eine Schuld nicht nur der Höflichkeit, sondern auch des Herzens, denn ich habe Ihr so schauerlich dokumentiertes Buch mit grösster Ergriffenheit gelesen, und ich kann die Mischung von Verachtung und Abscheu nicht beschreiben, die mich beim Durchblättern dieser Dokumente menschlicher Niedrigkeit und erbärmlicher Grausamkeit erfüllte.

Die Sprache versagt längst vor dem Gesinnungsabgrund, der sich in diesen Blättern auftut, welche von den entsetzlichen Leiden unschuldiger und ihrem Glauben mit Festigkeit anhangender Menschen berichten; sie möchte verstummen vor dem nicht mehr zu Charakterisierenden, und dennoch hat sie ein schlechtes Gewissen dabei, weil durch Schweigen der Welt die moralische Apathie und ihr elendes Nichteinmischungsprinzip nur allzu bequem gemacht wird [werden]. Wird sie durch die empörende Faktensammlung, die Sie vorlegen, doch vielleicht einen Augenblick in moralische Bewegung gebracht werden?

Man wagt kaum noch, es zu hoffen, aber auf jeden Fall haben Sie Ihre Pflicht getan, indem Sie mit diesem Buch vor die Öffentlichkeit traten, und mir scheint, einen stärkeren Appell an das Weltgewissen kann es nicht geben."[1]

Mit jener "empörenden Faktensammlung" ist das unter dem Namen von Franz Zürcher (1891-1978) im Juni 1938 im Europa-Verlag in Zürich veröffentlichte Buch "Kreuzzug gegen das Christentum"[2] gemeint. Harbeck hatte den berühmten Exilschriftsteller und Nobelpreisträger für Literatur,[3] der weder mit ihm näher bekannt war noch einen direkten Bezug zu der Glaubensgemeinschaft hatte, um Unterstützung gebeten, um dem seit Jahren beharrlich vorangetriebenen Publikationsprojekt Publizität zu verleihen. Zu diesem Zweck hatte er ihn erstmals am 1. März 1937 in seinem Haus in Küsnacht am Zürichsee aufgesucht und das Projekt vorgestellt. Ein Jahr später, am 20. Juli 1938, überbrachte ihm Harbeck ein Exemplar des kurz zuvor veröffentlichten Buches.[4]

Wahrscheinlich war der Kontakt über den gemeinsamen Züricher Verleger, Dr. Emil Oprecht (1895-1952), geknüpft worden, bei dem Thomas Mann in seiner Schweizer Exilzeit publizierte. Der sozialdemokratische Buchhändler und Verleger Oprecht, der mit Thomas Mann befreundet war, betreute zusammen mit seiner Frau Emmie exilierte deutsche Schriftsteller und Schauspieler. Seine Buchhandlung in der Züricher Rämistrasse war Treffpunkt und Zentrum der exilierten deutschen Intellektuellen, und die von ihm gegründeten Verlage "Oprecht & Helbling" und "Europa-Verlag" waren die führenden "antifaschistischen" Verlage der Schweiz.[5]

Thomas Manns Würdigung und Empfehlung beleuchtet zweierlei: Sie erinnert an die Bedrängnis der verfolgten Zeugen Jehovas im "Dritten Reich" und betont die Intention des Buches, über die Verteidigung eigener Interessen hinaus den NS-Terror gegen anders Denkende öffentlich anzuprangern. Aber sein Brief ist nicht allein Danksagung, sondern in gewissem Sinne auch eine Botschaft an die Weltöffentlichkeit – etwa wenn Mann vom "Schweigen", von der "moralischen Apathie" oder dem "elenden Nichteinmischungsprinzip" spricht. Sie lautet: Während die europäischen Grossmächte im Zeichen ihrer Appeasement-Politik Hitler immer weitere Zugeständnisse machen,[6] ist es eine kleine, kaum bekannte christliche Gemeinschaft, die den so lange erwarteten "Appell an das Weltgewissen" endlich ausspricht und das Unrecht offen beim Namen nennt.

Die Widerstandshistoriographie hat dem "Kreuzzug"-Buch im Allgemeinen wenig Beachtung geschenkt, es geriet fast in Vergessenheit – obwohl das Buch bis heute eine wertvolle Quellensammlung darstellt.[7] So verdanken wir dem Buch den statistischen Hinweis, dass 6.000 Zeugen Jehovas Ende 1937 in "Gefängnissen und Konzentrationslagern schmachten"[8] – die Zahl sollte bis 1945 noch auf über 8.000 deutschsprachige Inhaftierte steigen.[9] Die "empörende Faktensammlung", wie Thomas Mann das "Anklage-Buch gegen Deutschland"[10] nannte, ist im "Deutschen Exilarchiv 1933-1945" der Deutschen Bibliothek Frankfurt am Main nachgewiesen und gehört – ähnlich wie die Berichte der Sopade, der Exil-SPD in Prag und später in Paris [11] – zu Recht in die Reihe der wichtigen zeitgenössischen Exil- und Aufklärungsliteratur über die Verbrechen des Nationalsozialismus und die Verfolgung der Zeugen Jehovas.

Welche Rolle spielten Martin Harbeck und Franz Zürcher bei der Entstehung des Buches? Was für Inhalte werden dargestellt? Welche Bedeutung kommt der Dokumentensammlung als zeitgeschichtlicher Quelle zu?

Entstehungsgeschichte, Autorenschaft

Die Bibelforscher nahmen 1931 weltweit den neuen Namen "Jehovas Zeugen" an. Damals wurde Martin Harbeck, 1926 als Leiter des Schweizer Zweigbüros nach Europa gesandt, zum Vizepräsidenten und Franz Zürcher zum Sekretär der "Vereinigung Jehovas Zeugen der Schweiz und Mitteleuropas" ernannt. Als Präsident zeichnete Joseph F. Rutherford (1869-1942) verantwortlich, der ausserdem dem Hauptbüro der Watch Tower Bible & Tract Society (damals die geistlich aufsichtführende Körperschaft der Glaubensgemeinschaft, gleichzeitig nichtkommerzielle Verlagsgesellschaft) in Brooklyn, New York, vorstand.[12]

Dem Deutsch-Amerikaner Harbeck fiel innerhalb der Organisation der Bibelforscher eine besondere, über die Schweiz hinaus gehende Stellung zu, da im November 1920 der deutsche Zweig (Barmen, heute Stadtteil von Wuppertal) zwischenzeitlich formal aufgelöst und zunächst ein neues Büro unter der Bezeichnung "Wachtturm Bibel- und Traktatgesellschaft, Zentral-Europäisches Bureau" eröffnet worden war. Rutherford und andere leitende Bibelforscher hatten das Werk in Mittel- und Westeuropa neu organisiert, da der Präsident seinerzeit keine Einreiseerlaubnis für Deutschland erhalten hatte. Unter der Aufsicht des Schweizer "Hauptleiters (General-Manager)", dessen Sitz in Zürich und ab April 1925 in Bern war, standen die Schweiz, Deutschland, Frankreich, Belgien, die Niederlande und Österreich mit ihren jeweiligen "örtlichen Leitern (Managern)", die von Rutherford persönlich ernannt wurden.[13]

Eine Änderung trat im Juni 1925 ein – die Berner Zentrale wurde zum "Mitteleuropäischen Büro", dem der – wesentlich grössere – deutsche Zweig mit neuer Druckerei in Magdeburg nun nicht mehr direkt unterstand.[14] Als 1933 die Bibelforscher-Vereinigung und die Wachtturm-Gesellschaft in Deutschland verboten wurden und die Verfolgung begann, lebte aber die frühere Aufsichtsfunktion des "Zentraleuropäischen Büros" schnell wieder auf. Es betreute zu dieser Zeit bereits das Verkündigungswerk in Österreich, Belgien, Frankreich (mit Elsass und Lothringen), den Niederlanden, Italien, Polen, Rumänien, im Saargebiet, der Schweiz und in Jugoslawien.[15] Besonders seit 1935, als die Intensität der Verfolgung immer mehr zunahm und die Leitungsmitglieder in Magdeburg inhaftiert waren bzw. im Untergrund oder im Exil lebten, erweiterte sich sein Aufgabenbereich zusehends. Längst hatte die Watch Tower Society in Bern – neben den Büros in Prag und Heemstede (Niederlande), die allerdings nach dem deutschen Einmarsch 1939/40 geschlossen werden mussten – die Hauptfunktion als Fluchtpunkt, Kurieranlaufstelle für den Druckschriften-"Schmuggel" und Archiv für Tätigkeits- und Verfolgungsberichte aus Deutschland, Danzig und dem Saargebiet übernommen.[16] Nach dem Kriegseintritt der USA im Dezember 1941 konnte das Berner Büro den Kontakt zum Hauptbüro in Brooklyn nur noch wenige Monate halten.[17]

Grundsätzlich stand der Name Rutherfords als Verfasser im Impressum der aus dem Englischen übersetzten bibelerklärenden Bücher der Watch Tower Society. Das sollte bei dem nichtreligiösen, dokumentarischen "Kreuzzug"-Buch, das auf eigener Presse in Bern gedruckt wurde, jedoch bei der Europa-Verlag AG Zürich (mit New Yorker Niederlassung) erschien, anders sein. Martin Harbeck erinnert sich nach dem Kriege: "Ich schrieb dieses Buch in Deutsch. Doch weil ich amerikanischer Bürger war, riet mir der Verleger, einen Schweizer Namen als Verfasser anzugeben, weil das die Akzeptanz erhöhen würde, und so wurde Bruder Zürchers Name benutzt."[18] Der Schweizer Franz Zürcher, von 1940 bis 1953 Leiter des Berner Büros der Watch Tower Society, wurde fürderhin als Urheber des Buches angesehen und übernahm auch formal die Herausgeberschaft, beanspruchte dieses Privileg aber nie für sich. "Dokumentarisches Material über die Verfolgung, die unser Büro erreicht, wird sorgfältig gesammelt. Dann bewilligt Bruder Rutherford die Herausgabe eines Buches mit authentischen Berichten über die Leiden der Zeugen Jehovas in Deutschland", hielt er Jahre später rückblickend fest.[19]

Jedenfalls kam zwischen Harbeck und dem Verleger Oprecht am 3. Mai 1938 ein Verlagsvertrag zustande, den Franz Zürcher ("verantwortlich für das Buch") mit unterschrieb. Man setzte die erste Auflage auf 15.000 Exemplare fest. Die Watch Tower Society übernahm den Druck und die Bindearbeiten von 9.000 kartonierten und 6.000 in Leinen gebundenen Exemplaren, wobei sie 11.000 mit Rabatt selbst erwarb (7.000 kartoniert, 4.000 in Leinen gebunden). Eventuelle Folgeauflagen sollten von der Berner Wachtturm-Druckerei "auf eigene Rechnung hergestellt werden, unter Anzeige an den Verleger".[20] Gegen Jahresende waren "schon fast zehntausend Exemplare verbreitet worden, hauptsächlich in der Schweiz, wo es in Buchhandlungen und Zeitungskiosken ausgestellt ist".[21]

Die französische Ausgabe erschien 1939 im Verlag "Editions Rieder", Saint-Germain (Paris), und Franz Zürcher sprach vor 600 Zuhörern in Mülhausen (Elsass), im Gebäude der Börse, über das Thema.[22] Im gleichen Jahr stellte die Berner Wachtturm-Druckerei auch eine kartonierte polnische Ausgabe her, deren Rückseite eine Übersetzung des Thomas-Mann-Briefes zierte. Man gab hier die "allgemeine bisherige Auflage" mit 27.500 Exemplaren an – die Gesamtauflage hatte sich also inzwischen fast verdoppelt.[23] Geplante weitere Übersetzungen ins Holländische und Schwedische konnten offenbar aufgrund der einsetzenden Schwierigkeiten und finanziellen Engpässe, bedingt durch den Weltkrieg, aber nicht mehr realisiert werden.[24]

Inhalte

Das Buch gliedert sich in zwei Hauptteile, wobei sich das authentische Verfolgungsmaterial hauptsächlich im "Zweiten Buch: Christenverfolgung nach römischem Muster" befindet. Das "Erste Buch: Historische Hintergründe" enthält überwiegend Erklärungen und "biblische Auseinandersetzungen", von denen sich der Verlag im Vorwort ausdrücklich distanzierte.[25] Die Religionswissenschaftlerin Gabriele Yonan stellt fest: "Im ersten Teil werden historische Hintergründe dargelegt, die den apologetischen Anspruch der Gemeinschaft deutlich werden lassen. Es geht hier nicht um eine sachlich-historische Darstellung, vielmehr wird aus der eigenen religiösen Perspektive die Ursache der Verfolgung in einen Zusammenhang mit einer Verschwörung von Vatikanischer Weltpolitik des Katholizismus und dem Faschismus in Italien, Spanien und Deutschland gestellt. Die Zeugen Jehovas sehen sich selbst in der Situation der verfolgten urchristlichen Kirche durch die römische (katholische) Herrschaft. Der gesamte Text enthält keine antijudaistischen oder antisemitischen Äusserungen, im Gegenteil wird an einigen Stellen auch auf die fälschlichen Beschuldigungen der Juden in Deutschland hingewiesen."[26]

Das "Zweite Buch" enthält knapp kommentierte Zitate aus rund 80 Berichten, die unter thematischen Gesichtspunkten wie "Grusszwang", "Wahlterror und Boykott", "Kinderraub", "Schulungslager", "Auf der Flucht erschossen" usw. aneinander gereiht sind. Methodisch ähnelt die Darstellung dem Verfolgungsartikel im "Goldenen Zeitalter" von 1934 und dem Flugblatt "Offener Brief" von 1937, das ebenfalls von Harbeck verfasst wurde.[27]

Die hand- und maschinenschriftlichen Originale oder Abschriften der Berichte wurden, wie erwähnt, zwischen 1933 und Frühjahr 1938 direkt über die Grenze illegal in die Schweiz gebracht [28] oder über Drittländer wie die Tschechoslowakei oder die Freie Stadt Danzig per Post nach Bern gesandt.[29] Einen beachtlichen Teil der Quellen lieferte der Berufsmusiker Erich Frost (1900-1987),[30] der im September 1936 auf dem Luzerner Kongress von Rutherford ernannte Leiter des Untergrundwerkes.[31] So fuhren er und seine "Sekretärin" Ilse Unterdörfer im Oktober 1936 und Februar 1937 zu Heinrich Dwenger ins Prager Büro, um einen "Tätigkeitsbericht von Deutschland" zu überbringen; im Dezember 1936 und März 1937 reiste Ilse Unterdörfer allein nach Prag, um weitere "Berichte des Frost abzuliefern".[32]

Die Verfasser beschrieben selbst erlebte Verfolgungsmassnahmen, oder im Untergrundwerk verantwortliche Zeugen Jehovas fertigten von ihnen Abschriften an, die dann auf den genannten Wegen in die Schweiz gelangten. Zu diesen Kurieren gehörten ausser Frost auch andere im Untergrund führende Bibelforscher wie Heinrich Dietschi,[33] Albert Wandres [34] oder Wilhelm Ruhnau,[35] die aber der Gestapo letztendlich alle ins Netz gingen. "Reichskurier Ruhnau, Danzig", der am 25. September 1936 in Zoppot auf offener Strasse entführt und der Gestapo ausgeliefert wurde, brachte man später in einem Konzentrationslager zu Tode.[36] Auch aus den Niederlanden, wo verfolgte Deutsche als "Vollzeitprediger" in "Pionierheimen" der Zeugen Jehovas (Eindhoven, Heemstede, Leersum und anderswo) Zuflucht fanden,[37] trafen Erinnerungsberichte in Bern ein, so von Arthur Winkler,[38] Otto Hartstang [39] und Arno Peters.

Der zweite Hauptteil zitiert ferner 14 Dokumente und über 30 Zeitungs-, Zeitschriften- oder Buchauszüge, darunter die "St. Galler Volksstimme" vom 17. Oktober 1934 über die Protesttelegramm-Aktion von "20.000 Bibelforscher-Ortsgruppen [auf] der ganzen Welt" an Reichskanzler Adolf Hitler.[40] Der Sorgerechtsfall des minderjährigen Willi Josef Seitz aus Karlsruhe, unter der Überschrift: "Flucht ins Ausland als einziger Ausweg", wird anhand von Dokumenten belegt.[41] Einige Dokumente haben in der Retrospektive etwas zusätzlich Beklemmendes: Karl Schurstein, Schwerkriegsbeschädigter aus Herne, dessen Protesttelegramm vom 18. November 1933 an Reichspräsident von Hindenburg anonym abgedruckt ist, kam später in das KZ Sachsenhausen und wurde 1944 zusammen mit einem "Invalidentransport" aus dem KZ Dachau auf Schloss Hartheim bei Linz ermordet.[42]

Des Weiteren enthält der Buchteil Fotos von hohem dokumentarischem Wert, darunter ein von Harbeck heimlich gemachter Schnappschuss der Verbrennung von Büchervorräten der Zeugen Jehovas durch Magdeburger Polizei und SA im August 1933, kurz nach der Schliessung der Wachtturm-Druckerei.[43] Drei Fotos in Verbindung mit der Nichtbeteiligung an der Volksabstimmung vom November 1933, die bereits 1934 veröffentlicht wurden,[44] zeigen eine Wandbeschmierung "Landesverräter Kühner" und wie die SA Zeugen Jehovas zum Spott mit Plakaten durch die Strassen führt.[45] Ausserdem finden sich Fotos der Rückscheine über die am 9. September 1936 anlässlich des Luzerner Kongresses von Franz Zürcher an die deutsche Reichsregierung und den Vatikan gesandten Protestresolutionen [46] sowie die Abbildung eines an Zeugen Jehovas gerichteten Drohbriefes der NSDAP-Kreisleitung Waldenburg in Schlesien vom 5. April 1937, zusammen mit der Abschwörungserklärung, wie sie den KZ-Häftlingen mit dem "lila Winkel" vorgelegt wurde.[47] Das Buch enthält auch stilisierte Diagramme von zwei Konzentrationslagern: Die Lagerskizze von Esterwegen fertigte Arthur Winkler an,[48] von Arno Peters stammen das Diagramm von Sachsenhausen und die Folterbeschreibungen aus beiden Konzentrationslagern.[49]

Einen schmerzlichen Ausgang nahm die anonymisierte Veröffentlichung der Schilderung von Margarete Weiser aus Berlin über den Tod ihres Mannes Ernst. Die Zeitschrift "Trost" meldete 1940, dass "die Zeugin Jehovas Weiser aus Berlin N.O. im Lager ums Leben gebracht" worden sei. Der Gestapo war es tatsächlich gelungen, ihre Identität zu ermitteln und sie in das Frauen-KZ Lichtenburg zu verschleppen.[50] Tragische Züge hat auch folgende Episode: Martin Harbeck liess im September 1937 einen authentischen Verfolgungsbericht von Hans Müller aus Pirna in Sachsen über seine Familie, den dieser in Bern abgegeben hatte, beglaubigen und bat ihn, das Untergrundwerk von Sachsen bis Berlin zu übernehmen. Harbeck ahnte damals nicht, dass Müller inzwischen für die Gestapo arbeitete und noch unzählige Glaubensbrüder verraten würde.[51]

Rezeptionsgeschichte

Bereits im Herbst 1938 hielten einige illegale Ortsgruppen der Zeugen Jehovas in Deutschland das Buch in Händen.[52] Das "Braunbuch der IBV", wie es die Gestapo nannte, fand schnell Verbreitung, da die Zeugen Jehovas es unter sich "zum Lesen weiter [gaben]".[53] Überall in den Reihen der Glaubensgemeinschaft diente die Lektüre zur Stärkung oder Vorbereitung auf künftige Verfolgungen. Hermine Schmidt (* 1925) aus Zoppot bei Danzig (dort kam das Verbot am 6. Juli 1935) [54] schildert in einer bewegten Lebenserinnerung, wie das Buch sie prägte und tief in ihrem Wesen "erschüttert und durchgerüttelt" habe.[55] Das Buch gelangte zu den Zeugen Jehovas nach Österreich, wo seit dem "Anschluss" an Deutschland im März 1938 die Verfolgung bereits in vollem Gange war,[56] ins Elsass, wo die Verbote und die Verfolgung erst ein Jahr später bzw. nach dem deutschen Einmarsch 1940 einsetzten,[57] und in andere Länder. In Sin-le-Noble in Nordfrankreich bewahrten die Zeugen Jehovas die "Kreuzzug"-Bücher im Taufbecken ihres Versammlungssaales auf, wo die Ausgaben auch nach dem Einmarsch der Deutschen Wehrmacht im Mai 1940 unentdeckt blieben.[58] Ein Exemplar des Buches fand 1941 den Weg zu den Zeugen Jehovas im KZ Sachsenhausen, von wo aus sie heimlich nach draussen schrieben: "Welch eine dankbare Freude hatten wir empfunden, als beim Lesen des Buches ‚Kreuzzug gegen das Christentum‘ manch einer seine eigenen Erlebnisse und Erfahrungen nieder geschrieben sah."[59]

Neben Thomas Mann waren auch andere Aussenstehende von der "Dokumentensammlung" beeindruckt. Der protestantische Geistliche Theophile Bruppacher nannte sie im August 1938 "das Märtyrerbuch der Ernsten Bibelforscher in Deutschland", das mit "den ‚Moorsoldaten‘ [60] u[nd] a[nderen Berichten] in dieselbe Linie gehört". Er schloss seine Rezension mit den Worten: "Wer diese Schriftstücke ehrlich auf sich wirken lässt, der wird nun die verfemten Ernsten Bibelforscher in einem etwas neuen Licht sehen."[61] Die vom Sozialdemokraten Max Braun in Paris redigierte Zeitung "Deutsche Freiheit" bezeichnete das Buch als ein "aussergewöhnlich wichtiges Werk". Beim Lesen der "Berichte aus den Konzentrationslagern – der Menschheit ganzer Jammer fasst einen. [...] Das Buch besteht nur aus kurzen, sachlichen Tatsachenberichten, aber diese sind so erschütternd, dass die Lektüre beinahe zur körperlichen Pein wird."[62] Die Schweizer Zeitschrift "Der Öffentliche Dienst" bemerkte am 29. Juli 1938: "Die schmucklosen Berichte der offensichtlich einfachen, harmlosen und tiefgläubigen Männer und Frauen sind eine der furchtbarsten Anklagen, die gegen die von Dämonen besessenen Herrscher des Dritten Reiches erhoben worden ist."[63] Und ein Rezensent der Berner "Freiwirtschaftlichen Zeitung" schrieb über das "Kreuzzug"-Buch: "Ich rechne es zu den allerbesten Materialsammlungen über das Dritte Reich."[64]

Die deutschen diplomatischen Vertretungen und einschlägige nationalsozialistische Kreise in der Schweiz protestierten gegen die "öffentliche Verleumdung" Hitlerdeutschlands durch die Zeugen Jehovas.[65] Kurzzeitig untersagten im Sommer 1938 die Kantonsregierungen in Zug und Luzern öffentliche "Aufklärungsversammlungen über den Hakenkreuzzug gegen das Christentum".[66] "Der Stürmer" von Julius Streicher in Nürnberg nahm einen öffentlichen Vortrag im Limmathaus in Zürich am 25. Juni 1938, der das Buchthema trug, zum Anlass für wüste antisemitische Äusserungen gegen Jehovas Zeugen: "Diese sind die hirnverrücktesten, dümmsten und erbärmlichsten Judenknechte, die auf Gottes Erdboden herumlaufen. […] So werden sie in Deutschland ausgerottet. Der letzte kommt einmal in das grosse Panoptikum der Judenknechte. In der Schweiz laufen sie frei herum und schimpfen auf Deutschland."[67]

Die Schweizer Regierung wiederum, die Verstimmungen auf Seiten des mächtigen Nachbarn Deutschland zu vermeiden suchte, ging insbesondere seit 1938 immer massiver gegen die Zeugen Jehovas im Lande vor und begann, ihnen "staatsgefährliches Treiben" vorzuwerfen.[68] Wesentlich unterstützt wurde sie dabei von der "Schweizerischen Presse-Korrespondenz" (SPK) des 1936 in St. Gallen eingebürgerten Heinrich Metzler (1911-1980). Metzler, der der "Katholischen Aktion" in der Schweiz angehörte und mit der beim Bistum St. Gallen beheimateten "Gesellschaft für Kirche und Papst" eng zusammen arbeitete, bediente mit seinem im Sommer 1936 gegründeten Pressedienst die gesamte katholische Presse in der Schweiz wie auch zahlreiche Behörden und Politiker auf Bundes- und Kantonalebene.

Die seit Kriegsbeginn 1939 bestehende, für die Überwachung von Druckschriften zuständige Militär-Zensurbehörde "Presse und Funkspruch" stellte am 25. Juni 1940 sämtliche Publikationen der Zeugen Jehovas bis auf Weiteres unter "Vorzensur". Eines ihrer Opfer wurde das Buch "Feinde" von Rutherford, das im September 1940 beanstandet und verboten wurde.[69] Bereits am 5. Juli 1940 war es ausserdem zur vorübergehenden Besetzung des Watch Tower Büros in Bern und zur Beschlagnahmung von Literatur, einschliesslich der noch verbliebenen Vorräte des "Kreuzzug"-Buches, durch Armee-Einheiten gekommen. Unter der Schlagzeile "Buch ‚Kreuzzug gegen das Christentum‘ von Franz Zürcher verboten" gab die Presseagentur Heinrich Metzler triumphierend bekannt, dass "sämtliche Exemplare des Buches sichergestellt und die Weiterverbreitung verboten" worden seien.[70] Es folgten Hausdurchsuchungen von Privatwohnungen und anderen Niederlassungen der Zeugen Jehovas in der Schweiz sowie Verhöre von Glaubensanhängern in vielen Kantonen.[71]

Martin Harbeck, der in allen Ländern seines Zuständigkeitsbereichs von der Ausweisung bedroht war und bei der Gestapo auf der "schwarzen Liste" stand, zog es im Sommer 1940 vor, über Brasilien in die Vereinigten Staaten zurückzukehren, wo Präsident Rutherford ihn als "reisenden Vollzeitprediger" einsetzte. Die Schweizer Justiz zitierte Franz Zürcher am 23. und 24. November 1942, in einer Atmosphäre beispielloser Voreingenommenheit, vor Gericht und verurteilte ihn – praktisch stellvertretend für die Religionsgemeinschaft – wegen Militärdienstverweigerung. Das Urteil lautete in der Revisionsinstanz am 16. April 1943 auf bedingten Strafvollzug (ein Jahr Zuchthaus) und fünf Jahre Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte.[72] Die Schweizer Behörden lenkten schliesslich erst ein, als sich, nach der alliierten Landung in der Normandie, im Herbst 1944 ein Ende des Krieges abzeichnete. Am 26. September 1944 verfügten sie die Rückgabe der Wachtturm-Schriften und "Kreuzzug"-Bücher.[73] Jehovas Zeugen begannen ab 1. April 1945 auf das Buch mit Anzeigen [74] und ab Juni 1945 mit einer vierseitigen Flugschrift, jeweils mit dem Thomas-Mann-Brief versehen, aufmerksam zu machen.[75]

Schluss

Mit dem warnenden Hinweis, dass Hitler "das heidnische Feuer des Juden- und Christenhasses" gebraucht und "im Dritten Reich Tausende von Juden und Christen zugrunde richten" lässt, gingen die eindringlichen Appelle der Zeugen Jehovas über die Verteidigung eigener Interessen in Europa hinaus.[76] Das Buch würdigt auch "die Haltung der sich des weltanschaulichen Absolutheitsanspruches der NS-Ideologie erwehrenden ‚Bekennenden Kirche‘, was Detlef Garbe als einen "angesichts der Kirchenfeindlichkeit der Zeugen Jehovas bemerkenswerten Vorgang" wertet.[77]

Die ungeschminkten zeitgenössischen Berichte der Verfolgten und Gepeinigten haben an Authentizität nichts verloren. Die "Dokumente menschlicher Niedrigkeit und erbärmlicher Grausamkeit", wie Thomas Mann sie nannte, berühren bis heute den allgemeinen Leser wie den Historiker und bringen ein dunkles Kapitel der Geschichte zum Leben. Ein zeitgenössischer Kommentar zum "Kreuzzug"-Buch – zwei Jahre vor Auschwitz – stimmt noch heute nachdenklich: "Hätten die europäischen Staatsmänner und Parteiführer auch nur ein Quäntchen dieses Mutes der Zeugen Jehovas gezeigt, der Welt wären die himmelschreienden Verbrechen der Dämonen unserer Zeit erspart geblieben."[78]

Copyright 2001, 2005 Johannes Stephan Wrobel
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Anmerkungen

Die Anmerkungen und Quellen sind dem künftigen gedruckten Exemplar zu entnehmen.

Auszüge aus dem "Kreuzzug"-Buch


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