Detlef Garbe: Die Standhaftigkeit der Zeugen Jehovas (in: Widerstehen aus religiösen Gemeinschaften), in: Peter Steinbach / Johannes Tuchel, Widerstand gegen die nationalsozialistische Diktatur 1933-1945, Bundeszentrale für Politische Bildung (Hg.), Schriftenreihe Bd. 438. Bonn 2004, S. 151-158.


ZITATE

[Seite 149] "Für die katholische Kirche, die in den ersten Wochen nach dem Januar 1933 von ihrer zuvor erklärten Gegnerschaft zum Nationalsozialismus abrückte und nach einem Modus Vivendi mit der Regierung Hitler suchte, erkannte Kardinal Michael von Faulhaber in einer Protestnote vom 5. Mai 1933 gegen die Unterdrückung des politischen Katholizismus dankbar an, 'dass sich im öffentlichen Leben unter der neuen Regierung manches gebessert hat: Die Gottlosenbewegung ist eingedämmt, die Freidenker können nicht mehr offen gegen Christentum und Kirche toben, die Bibelforscher können nicht mehr ihre amerikanisch-kommunistische Tätigkeit entfalten'. Dieses Einvernehmen zeigte sich auch darin, dass an maßgeblichen [Seite 150] Besprechungen über die Verbote der Bibelforscher (Zeugen Jehovas) und anderer Gruppen in der Anfangszeit des 'Dritten Reiches' auch Vertreter der großen Kirchen teilnahmen.

Nachdem 1933 Verbote gegen die Zeugen Jehovas in allen deutschen Ländern ergangen waren, forderten staatliche und kirchliche Instanzen ein entsprechendes Vorgehen auch gegen andere Glaubensgemeinschaften. So stellte 'Das Evangelische Deutschland' - und damit ein führendes Presseorgan auf protestantischer Seite – in einem Bericht zum preußischen Bibelforscherverbot fest: 'Die Kirche wird dankbar anerkennen, dass durch dieses Verbot eine Entartungserscheinung des Glaubens beseitigt worden ist…Damit ist jedoch noch keine vollständige Bereinigung der Sekten erreicht. Erwähnt seien nur die 'Neuapostolischen.' Zumindest bis Mitte der 1930er Jahre gab es ein regelrechtes Zusammenspiel zwischen den beiden großen Kirchen und dem Staat beim Vorgehen gegen einzelne Sekten. Mit Hintergrundberichten über die jeweiligen Glaubensgemeinschaften glichen die Kirchenbehörden den mangelnden sektenkundlichen Sachverstand auf staatlicher Seite aus, teilweise leisteten sie für die Geheime Staatspolizei (Gestapo) und andere Verfolgungsinstanzen auch direkte Zuträgerdienste.

Andere Stimmen gab es in Kreisen des kirchlichen Widerstandes. Beipielsweise bekundete Professor Karl Barth, der im Schweizer Exil lebende 'Spiritus Rector' der 'bruderrätlichen Richtung' in der Bekennenden Kirche, 1937 seine Solidarität mit den verfolgten Zeugen Jehovas. [...]

[Seite 151] "Die Leitung des deutschen Zweiges der Zeugen Jehovas, die Wachtturm-Gesellschaft in Magdeburg, versuchte [1933] zunächst, die noch bestehenden rechtlichen und sonstigen Möglichkeiten auf dem Verhandlungswege auszuschöpfen; auf diese Weise sollten die Voraussetzungen für eine legale Fortexistenz der Bibelforscher-Vereinigung in Deutschland geschaffen sowie das als amerikanisches Auslandsvermögen deklarierte Eigentum der Wachtturm-Gesellschaft vor dem staatlichen Zugriff gerettet werden. Auch die Gründung von zwei neuen Rechtspersonen, der Norddeutschen und der Süddeutschen Bibelforschervereinigung, die an die Stelle der in der nationalsozialistischen Propaganda allein schon aufgrund ihres Namens verdächtigten Internationalen Bibelforscher-Vereinigung traten, galt - wie man damals im [Seite 152] Briefverkehr selbst bezeichnete - der 'Anpassung der Vereinigung an die nationalen Verhältnisse in Deutschland'. Doch alle Versuche blieben letztlich ergebnislos. [...]

[Seite 153] 1936/37 wandten sich die Zeugen Jehovas sogar mit mehreren Flugblattkampagnen an die Bevölkerung, um gegen die Einschränkung ihrer Glaubensfreiheit zu protestieren. Mit diesen schlagartig und zeitgleich in vielen Orten innerhalb Deutschlands durchgeführten Aktionen, bei denen Handzettel in die Hausbriefkästen gesteckt, unter Fußmatten geschoben oder auf Parkbänke gelegt wurden, prangerten sie die in Hitler-Deutschland wütende 'Christenverfolgung' an. Einem am 20. Juni 1937 reichsweit in mehreren zehntausend Exemplaren verbreiteten 'Offenen Brief' - vermutlich zu dieser Zeit eine der größten illegalen Flugblattverteilungen überhaupt – kam besondere Bedeutung zu, da dort unter Nennung von Ort und Namen der beteiligten Gestapo-Beamten detaillierte Berichte über Misshandlungen und über gewaltsame Tötungen von Zeugen Jehovas wiedergegeben wurden.

Der Text dieser an 'das bibelgläubige und Christus liebende Volks Deutschlands' gerichteten Flugschrift legt Zeugnis davon ab, dass die Zeugen Jehovas sich als Märtyrer des chrictlichen Glaubens verstanden und trotz der Härte der NS-Verfolgung nicht gewillt waren, sich zu beugen: 'Trotz größtem seelischen Druck und trotz sadistischer körperlicher Misshandlung […] hat man in vier Jahren nicht vermocht, die Zeugen Jehovas auszurotten; denn sie lassen sich nicht einschüchtern, sondern fahren fort, Gott mehr zu gehorchen als den Menschen, wie es seinerzeit die Apostel Christi auch taten, als man ihnen verbot, das Evangelium zu verkündigen.'

Nach der Verteilung des 'Offenen Briefes' wurden die Aktivitäten der Gestapo zur Bekämpfung der Zeugen Jehovas nochmals intensiviert. Zur Koordination der Verfolgungsmaßnahmen wurde in der Berliner Zentrale der Gestapo ein Sonderreferat gebildet. Trotz der zahlenmäßig insgesamt eher unbedeutsamen Anhängerschaft zog die 'Bibelforscherfrage' - so der amtliche Sprachgebrauch – überraschend weite Kreise: mit ihr beschäftigten sich zeitweilig höchste Stellen in Justiz, Polizei und Schutzstaffel (SS). [...]

[Seite 155] In den Konzentrationslagern bildeten die 'Bibelforscher' neben den 'Politischen', den so genannten 'Asozialen', den 'Kriminellen' und den 'Homosexuellen' als einzige Weltanschauungsgemeinschaft eine eigene Häftlingskategorie. Die exklusive Kennzeichnung mit dem lila Winkel deutet auf die in vielerlei Hinsicht besondere Stellung der Zeugen Jehovas innerhalb der KZ-Lagerordnung hin. Die Bibelforscher-Häftlinge stellten seit 1935, aber vor allem nach den Massenverhaftungen 1937 zahlenmäßig eine nicht unerhebliche Gruppe. In der Regel betrug ihr Anteil an der jeweiligen Belegstärke der Konzentrationslager in der Vorkriegszeit zwischen fünf und zehn Prozent. In einzelnen Konzentrationslagern (Fuhlsbüttel, Lichtenburg, Moringen) stellten sie sogar zeitweilig die stärkste Häftlingsgruppe. Nach Kriegsbeginn nahm der Anteil der Zeugen Jehovas an der Lagerbelegung jedoch stark ab. In den letzten Kriegsjahren, als die Gesamtzahl der Häftlinge sich durch die Einweisung von Hunderttausenden ausländischer Widerstandskämpfer und Zwangsarbeiter verfielfachte, bildeten sie nur noch eine kleine Minderheit: So stellten die Zeugen Jehovas im Dezember 1939 im KZ Buchenwald 3,3 Prozent aller Gefangenen, Ende 1944 lag ihr Anteil dort bei ungefähr 0,3 Prozent.

Die Zeugen Jehovas bildeten in den Lagern eine geschlossene Gemeinschaft, die sich von den anderen Häftlingsgruppen deutlich unterschied. Ihr Bekennermut und ihre Unbeugsamkeit ließen sie anfangs zum besonderen Hassobjekt der SS werden, die mit fortgesetzten Misshandlungen die außergewöhnliche Resistenz dieser Gruppe zu brechen versuchte. Zeitweilig wurden die Zeugen Jehovas generell in die Strafkompanien eingewiesen und gänzlich von den anderen Gefangenen isoliert. Um ihre Standhaftigkeit zu erschüttern, griffen die SS-Schergen immer wieder Einzelne heraus, an denen sie ein Exempel zu statuieren beabsichtigten.

Doch die SS vermochte es nicht, den Widerstand der Bibelforscher-Häftlinge zu brechen. Nur wenige von ihnen unterschrieben eine Verpflichtungserklärung, die ihnen bei Lossagung von ihrem Glauben unter bestimmten Bedingungen die Entlassung aus der KZ-Haft in Aussicht stellte. Dieser Revers wurde ihnen anfangs regelmäßig im Abstand von einigen Monaten in der Kommandatur zur Unterschrift vorgelegt. Mithäftlinge konnten oftmals nicht verstehen, weshalb die Zeugen Jehovas von dieser Möglichkeit keinen Gebrauch machten. [...]

[Seite 157] Keine andere Religionsgemeinschaft hat mit einer vergleichbaren Unbeugsamkeit dem nationalsozialistischen Anpassungsdruck widerstanden. Die [Seite 158] relative große Geschlossenheit der Gruppe, die streng hierarchische Leitung und ihr Sendungsbewusstsein führten zu einem außergewöhnlich hohen Grad der Beteiligung an Widerstandsaktionen. Zum Umfang der Verfolgung lassen sich folgende Angaben erheben: Allein in Deutschland wurden nahezu 10 000 Zeugen Jehovas für eine unterschiedlich lange Dauer inhaftiert. Tausende weiterer Verhaftungen kamen in den besetzten europäischen Staaten hinzu. Insgesamt mussten ca. 4 000 Zeugen Jehovas in den Konzentrationslagern den 'lila Winkel' tragen, darunter ungefähr 1 400 Zeugen Jehovas aus den Niederlanden, aus Österreich, Polen, Frankreich und anderen Ländern. Mehr als 300 Zeugen Jehovas wurden – überwiegend aufgrund einer wehrmachtgerichtlichen Verurteilung wegen Kriegsdienstverweigerung – hingerichtet. Die Zahl der Todesopfer unter den deutschen Zeugen liegt insgesamt bei über 1 000; diejenige der ausländischen Glaubensangehörigen schätzungsweise bei bis zu 500."

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