BERLIN, Forschungs- und Gedenkstätte NORMANNENSTRASSE
Donnerstag, 3.6.1999, 19 Uhr

Dauer- und Sonderausstellung zur Geschichte
der Zeugen Jehovas in der SBZ/DDR
Begrüßung und Kurzreferat

Meine sehr verehrten Damen und Herren!

Als Leiter des Geschichtsarchivs der Zeugen Jehovas bei der Wachtturm-Gesellschaft in Selters/Taunus darf ich alle Gäste auf das herzlichste willkommen heißen und Sie heute abend durch das Programm führen.

Wir begrüßen die Zeitzeugen, die den Weg hierher nicht gescheut haben.

Es bereitet den Zeitzeugen sicherlich Genugtuung zu sehen, daß hier, an diesem historischen Ort, eine Dauerausstellung an den Mut und die Unbeugsamkeit erinnert, mit der Jehovas Zeugen in der DDR dem Staatsterror getrotzt haben. (Einige von ihnen haben sogar unter zwei Diktaturen wegen ihres Glaubens Repressalien und Haft erdulden müssen.)

Wir freuen uns sehr, daß Vertreter von verschiedenen Behörden und wissenschaftlichen Fachrichtungen, Institutionen und Gedenkstätten unserer Einladung gefolgt sind.

Wir hoffen zugleich, daß es vielen von Ihnen gelingt, die Erkenntnisse und Anregungen aus der heutigen Begegnung in ihre Einrichtungen und Initiativen zu tragen.

In der Erinnerungskultur an alle Opfer von Gewalt und Unterdrückung in zwei deutschen Diktaturen dürfen Jehovas Zeugen nicht fehlen. (Die Stellung der Zeugen Jehovas als Teil der Geschichte dieses Landes wird in der neuen Gemeinschaftsausstellung des Deutschen Historischen Museums und anderer Institutionen, "Einigkeit und Recht und Freiheit. Wege der Deutschen. 1949–1999", die bis 3. Oktober 1999 im Martin-Gropius-Bau hier in Berlin zu sehen ist, unterstrichen. Drei Exponate sind ausgestellt, die den "Weg" der Zeugen Jehovas darstellen – unter anderem ein Hektograph, mit dem in der DDR etwa 20 Jahre lang Wachtturm-Literatur in großen Mengen im Untergrund vervielfältigt wurde.)

Im Namen von Jehovas Zeugen in Deutschland möchte ich besonders Ihnen, sehr geehrter Herr Drieselmann, als Leiter der Forschungs- und Gedenkstätte NORMANNENSTRASSE, herzlich dafür danken, daß Sie die Ausstellung über Jehovas Zeugen in Ihrem Haus angeregt und ermöglicht haben.

Unser besonderer Dank gilt auch Ihren Mitarbeiterinnen, Frau Woehrl, die diese Ausstellung so geschickt und engagiert gestaltet hat, und Frau Holland-Moritz sowie Frau Belowski.

Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Herr Eberhard Diepgen, sendet uns eine Grußbotschaft:

Berlin, im Juni 1999

Sehr geehrte Damen und Herren,

Es gehört zum Wesen totalitärer Staaten, jede Form von Toleranz vermissen zu lassen und alle Menschen und Gruppierungen gleichschalten zu wollen. Nationalsozialistische und kommunistische Staaten machen da wenig Unterschiede. Viele Zeugen Jehovas haben das am eigenen Leibe erfahren. Von Benachteiligungen und Diskriminierungen bis zu Folter und Mord reichen die Reaktionen totalitärer Staaten auf das Anderssein der Zeugen Jehovas.

Die Eröffnung einer Dauerausstellung in der Forschungs- und Gedenkstätte Normannenstraße gibt nun auch dieser Opfergruppe die Möglichkeit, ihre Verfolgung unter kommunistischer Herrschaft angemessen darzustellen. Ich sehe darin nicht nur ein wichtiges Stück wissenschaftlicher Geschichtsbewältigung, sondern auch die Chance zur historischen Wahrheit und Gerechtigkeit. Gerade in einem Jahr wie 1999, das bei aller Zukunftsorientierung Bilanz ziehen muß, das auf 50 Jahre Bundesrepublik Deutschland genauso zurückblickt wie auf ein bewegtes Jahrhundert, das Deutschland zwei Weltkriege und zwei Diktaturen, letztlich aber doch wieder die Wiedervereinigung in Frieden und Freiheit gebracht hat, darf auch dieses Stück Erinnerung nicht fehlen, ist sie doch gleichzeitig Mahnung für die Zukunft.

Der Dauerausstellung wünsche ich viele interessierte und mündige Besucher.

Mit freundlichen Grüßen

[Unterschrift]

Eberhard Diepgen

 

Dem Vortrag von Herrn Dr. Dirksen, der retrospektiv zur Historie mit Schwerpunkt Maßnahmen der Staatssicherheit referieren wird, möchte ich nicht vorgreifen.

Erlauben Sie mit jedoch folgende Hinweise:

Der Titel der gegenwärtig zehn Ausstellungstafeln "Immer wieder ‚Zeugen Jehovas‘!" stützt sich auf eine DDR-Zeitungsschlagzeile vom Februar 1953. Die Zeitung meldete die Verurteilung von Günther Rosenbaum, einem reisenden Prediger der Zeugen Jehovas aus Schwarzenberg, der zu lebenslänglichem Zuchthaus wegen "Boykott- und Kriegshetze" verurteilt worden war.

Herr Rosenbaum, dessen Vater bereits wegen seines Glaubens im KZ Buchenwald gelitten hatte, entkam dem Unrechtsregime 1962 nach jahrelanger Haft in Zwickau, Waldheim, Brandenburg und Bautzen durch vorzeitige Entlassung. Es ist eine besondere Freude, ihn heute Abend unter den Gästen begrüßen zu dürfen!

Die Biographie von Günter Rosenbaum werden Sie auf einer der Ausstellungstafeln finden.

Sein Foto, das im Untergrund ein halbes Jahr vor seiner Verhaftung entstand, gehört zu der Collage auf der Titelseite unseres Ausstellungs-Faltblattes, das wir ausgelegt haben.[1]

Links von ihm sind auf dieser Titelseite die Zeitzeugin Meta Kluge, und rechts von ihm Lothar Hörnig abgebildet. Herr Hörnig, den ich ebenfalls auf das herzlichste begrüßen möchte, wird uns nach dem Fachreferat von Herrn Dr. Dirksen aus seinem Leben erzählen.

Das Faltblatt gibt Ihnen einen ersten Überblick über die Geschichte der Zeugen Jehovas in der DDR.

Hier finden Sie auch exemplarisch einen Lebenslauf und zwar von Hildegard Seliger, die zu der Gruppe der "Doppelverfolgten" zählt. (Gegenwärtig sind über 250 Namen von Zeugen Jehovas bekannt, die sowohl unter Hitler als auch Ulbricht von seiten des totalitären Staates jahrelange Haft und Repressionen erlitten.)

Die Ausstellung enthält mehrere Biographien, die stellvertretend für zahlreiche andere stehen, die uns alle wichtig sind.

Die heutige Sicherung der authentischen Lebenszeugnisse ist ohne Zweifel für die künftige Bildungsarbeit von entscheidender Bedeutung.

Das Geschichtsarchiv der Zeugen Jehovas in Selters/Taunus arbeitet seit über zwei Jahren neben der Dokumentierung von Einzelschicksalen aus der NS-Zeit auch an der Aufarbeitung der SBZ- und DDR-Zeit. Wir sind dabei auf die Mithilfe der Betroffenen oder der noch lebenden Verwandten angewiesen, und unser Bestand ist noch erweiterungsbedürftig.

Die wissenschaftliche Auswertung von internen und externen Quellen durch Fachleute, von denen heute Abend einige unter uns sind, hat erst begonnen.

Planungen für eine wissenschaftliche Tagung Ende nächsten Jahres zur Verfolgung der Zeugen Jehovas in der DDR sind von der Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit bei der Wachtturm-Gesellschaft (Herr Slupina) in Angriff genommen worden, und einige Fachinstitute haben Bereitschaft zur Beteiligung signalisiert.

Die heutige Eröffnung der Dauerausstellung wird, was die Aufarbeitung der DDR-Geschichte der Zeugen Jehovas betrifft, sicherlich weitere Akzente und Zeichen setzen.

Mit der Präsentation erster Forschungsergebnisse wollen wir – auch in Anlehnung an den Arbeitsauftrag der Enquete-Kommission ,Überwindung der Folgen der SED-Diktatur im Prozeß der deutschen Einheit‘ – die "Erinnerung an die Opfer von Unrecht und Gewalt, an Widerstand und Mut in den Diktaturen"[2] im öffentlichen Bewußtsein wachhalten."

Die Kommission hat die herausragende historische Bedeutung von Haus I/Normannenstraße, Berlin "als Zentrale des Ministeriums der Staatssicherheit, als Ort historischer Dokumentation und bürgerschaftlicher Aufarbeitung" hervorgehoben.[3] Daher freut es uns besonders, daß in diesem Haus die Ausstellung "Immer wieder ‚Zeugen Jehovas‘!" beheimatet ist.

Möge die Dokumentation dieser Geschichte sowohl Erinnerung als auch Mahnung zugleich sein – Mahnung zu Toleranz und Mitmenschlichkeit!

Wir bitten nun Dr. Hans-Hermann Dirksen um sein Referat. Es trägt das Thema "Zeugen Jehovas müssen verschwinden!" – der vergebliche Kampf der Staatssicherheit.

Johannes S. Wrobel

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[1] Deutsche Version: Forschungs- und Gedenkstätte Normannenstrasse: Dauerausstellung zur Geschichte der Zeugen Jehovas in der SBZ/DDR, Wachtturm-Gesellschaft, Geschichtsarchiv der Zeugen Jehovas, 65617 Selters (Hg.), Mai 1999. Englische Version: Forschungs- und Gedenkstätte Normannenstrasse: Permanent Exhibition Jehovah’s Witnesses in the German Democratic Republic (GDR), Jehovah’s Witnesses, History Archive, 65617 Selters [Germany], August 2003.

[2] Schlußbericht der Enquete-Kommission "Überwindung der Folgen der SED-Diktatur im Prozeß der deutschen Einheit", Deutscher Bundestag 13. Wahlperiode, Drucksache 13/11000, 10.06.98, Seite 11.

[3] Ebd., S. 252.


 

Überleitung – Dirksen/Hörnig

Vielen Dank Herr Dr. Dirksen für den sachkundigen und detaillierten Beitrag!

Die Enquete-Kommission "Überwindung der Folgen der SED-Diktatur im Prozeß der deutschen Einheit" stellte fest:

"Vielfalt und Breite von Opposition und Widerstand gegen die kommunistische Diktatur, auch in ihren unterschiedlichen historischen Phasen, müssen im öffentlichen Bewußtsein wachgehalten werden" (S. 239).

Die heutige Veranstaltung leistet dafür einen wichtigen Beitrag.

Jehovas Zeugen gehören in das Spektrum widerständigen Verhaltens in beiden deutschen Diktaturen.

Nicht nur Lager und Haftanstalten haben eine "doppelte Geschichte", sondern auch eine Anzahl Zeugen Jehovas, die von beiden Regimen verfolgt und drangsaliert wurden.

Dazu zählen einige Gäste, die heute abend unter uns sind, zum Beispiel:

[Optional: Können Sie uns kurz sagen, aus welcher Stadt Sie kommen und was ihnen unter zwei Diktaturen widerfahren ist?]

Frau Charlotte Müller aus Heilbronn (die während der NS-Zeit aus religiösen Gründen in den KZ Lichtenburg und Ravensbrück inhaftiert war und später in der DDR zu 6 Jahren Zuchthaus verurteilt wurde).

Herr Gerhard Claus aus Berlin (9 Jahre KZ: Buchenwald (1937-40), Sachsenhausen, Wewelsburg, Ravensbrück; 6 Jahre DDR- Haft).

Herr Richard Rudolph aus Döbbersen [9 Jahre KZ Sachsenhausen, Neuengamme, Salzgitter-Watenstedt bei Braunschweig, "Todesmarsch" nach Schwerin; 10 Jahre DDR-Haft]

Herr Lothar Hörnig aus Erlangen.

Stellvertretend für die Gruppe der "Doppelverfolgten" bitten wir nun Herrn Lothar Hörnig aus Erlangen zu uns.

Wir haben eine Programmänderung vorgenommen: An meiner Stelle wird Frau Daria Meinus-Becker aus Berlin das Interview mit Herrn Hörnig führen. Wir sind gespannt und ganz Ohr …

 


Überleitung – Hörnig/Tafelenthüllung

Herzlichen Dank Herr Hörnig! Vielen Dank Frau Meinus-Becker!

Das war ein beeindruckendes Lebenszeugnis eines unmittelbar Betroffenen, das Geschichte begreifen läßt, aber leider auch demonstriert, wie sich Geschichte wiederholt.

Wir können nun gut verstehen, warum es so wichtig und vordringlich ist, die authentischen Zeugnisse der Überlebenden für die Nachwelt zu sichern und für die Nachgeborenen zugänglich zu machen.

Hier ist, neben der Erinnerung an die Opfer, die Dokumentation und Forschung gefordert.

Und damit kommen wir zum eigentlichen Anlaß dieser Veranstaltung – der feierlichen Eröffnung der Ausstellung.

Zum reibungslosen Ablauf ist folgender Hinweise wesentlich: Aus Platzgründen ist es nicht möglich, daß sich jetzt alle Gäste auf einmal in den Raum begeben, in dem die Tafeln verhüllt sind.

Herr Drieselmann, Herr Hörnig und ich dürfen vorausgehen, wobei wir darum bitten, daß alle Zeitzeugen und Verfolgten der DDR-Zeit sowie die Vertreter der Presse und Medien uns zuerst folgen.

Danach bitten wir die übrigen Gäste es uns gleich zu tun und uns zu folgen. Zur Enthüllung der Tafeln werden wir kurz einige Worte sprechen und danach das Büfett eröffnen. Das zu Ihrer Orientierung.

Wir danken allen, die heute Abend hierher gekommen sind und wünschen Ihnen noch fruchtbare Gespräche mit den anwesenden Zeitzeugen und Fachleuten.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

 


 

Tafelenthüllung, 3. Juni 1999

Jehovas Zeugen

in der DDR wurden aus

religiösen Gründen verfolgt,

weil sie dem Grundsatz der Bibel,

"Wir müssen Gott, dem Herrscher, mehr gehorchen als den Menschen" (Apostel-geschichte 5,29 NW), folgten.

Sie handelten

dabei in Übereinstimmung

mit dem Geist der Präambel des Grundgesetzes, nämlich ‚im Bewußtsein ihrer Verantwortung vor Gott und den Menschen‘.

Möge diese Ausstellung

Erinnerung und Mahnung zugleich sein

und dem mündigen Betrachter die Einsicht geben, daß menschliche Autorität nicht die höchste Instanz ist und jedes Gewissen vor Gott Rechenschaft ablegen wird.

Forschungs- und Gedenkstätte NORMANNENSTRASSE, Berlin