Einführungsreferat
zur öffentlichen Vorführung der Videodokumentation
Standhaft trotz Verfolgung -- Jehovas Zeugen unter dem NS-Regime
am 25. Januar 1997 in der Stadthalle Idstein

Die Videodokumentation Standhaft trotz Verfolgung -- Jehovas Zeugen unter dem NS-Regime wurde erstmals vor geladenen Gästen am 6. November 1996 an der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück vorgeführt. In das ehemalige Konzentrationslager Ravensbrück -- eine menschenverachtende Stätte des Terrors und des Todes -- waren von 1939 bis 1945 hunderte Zeuginnen Jehovas eingeliefert worden, weil sie an ihren religiösen Überzeugungen standhaft und unbeugsam festhielten.

Die Weltpremiere am 6. November 1996 fand in einem sehr würdigen Rahmen im Beisein von Zeitzeugen aus sieben Ländern, außerdem von Historiker und Vertretern von Behörden und Gedenkstätten aus ganz Deutschland statt.

Die Ministerin für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg, Frau Angelika Peter, ließ folgende Grußworte durch einen Referenten ausrichten: "Es ist richtig und wichtig, daß wir uns heute der beispielgebenden Standhaftigkeit der Zeugen Jehovas erinnern, denn es war richtig, sich diesem Unrechtssystem unter allen Umständen zu verweigern. Und dies gilt erst recht, wenn wir selbst für uns Gründe haben, die Überzeugungen der Zeugen Jehovas nicht zu teilen."

Professor Dr. Jürgen Dittberner, der zu dieser Zeit die Stiftung Brandenburgischer Gedenkstätten (die Dachorganisation für die Gedenkstätten Ravensbrück, Sachsenhausen und Brandenburg) leitete, sagte anläßlich der Weltpremiere: "Wir halten das Andenken dieser Menschen, die ihren Glauben nicht verraten haben und dafür leiden, zum Teil sogar sterben mußten, in allen Ehren."

Der Ministerpräsident des Landes Brandenburg schrieb: "Haben Sie vielen Dank für Ihre freundliche Einladung zur Premiere einer Videodokumentation über die Opfer des Nationalsozialismus, die Sie am 06.11.1996 in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück vorführen werden. Ich selbst bin terminlich verhindert, möchte Ihnen auf diesem Wege aber noch einmal versichern, daß ich mit großer Hochachtung der Zeugen Jehovas gedenke, die mutig Widerstand gegen die Nationalsozialisten geleistet haben und anderen Häftlingen selbstlose Hilfe gewesen sind. Die Landesregierung Brandenburg ist daran interessiert, daß das Schicksal der Zeugen Jehovas in den Konzentrationslagern gut und ausführlich dargestellt wird. . . . Ihre Filmveranstaltung ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg, die Öffentlichkeit über die Rolle Ihrer Religionsgemeinschaft unter dem NS-Regime zu informieren."

In der 78minütigen Videodokumentation, die wir gleich sehen werden, schlagen zehn Historiker und zwanzig Zeitzeugen ein trauriges Kapitel deutscher Geschichte ohne Bitterkeit auf und berichten Neues und Besonderes. Was macht das Besondere an der Verfolgung der Zeugen Jehovas bzw. der "Bibelforscher" (wie sie damals auch genannt wurden) unter dem NS-Regime aus?

-- Jehovas Zeugen wurden wegen ihrer Kompromißlosigkeit von Beginn des NS-Regimes an verfolgt;

-- sie machten in der Vorkriegszeit ungefähr fünf bis zehn Prozent der KZ- Häftlinge aus, wurden mit einem lila Winkel auf ihrer Häftlingskleidung stigmatisiert und von der SS besonders brutal behandelt

-- sie konnten durch das Abschwören ihres Glaubens ihre Haft selbst beenden (doch nur wenige taten dies).

-- Heute scheinen Jehovas Zeugen zu den "vergessenen Opfern" des NS-Regimes zu gehören, während die Verfolgung anderer Gruppen, zum Beispiel der Juden oder der Sinti und Roma, allgemein bekannt ist.

Es überrascht daher nicht, daß die neue Videodokumentation der Wachtturm-Gesellschaft in der Öffentlichkeit auf großes Interesse stieß. Die Berliner Zeitung Der Tagesspiegel überschrieb anläßlich der Premiere in Ravensbrück einen Artikel wie folgt: "Ein neues Kapitel über ’vergessene Opfer des NS-Regimes’."

Was die Videodokumentation zeigt, sind jedoch weit mehr als historisch relevante Fakten. Die Videodokumentation, die in 24 Sprachen übersetzt und eine Kurzfassung sowie ein Leitfaden Pädagogen und Schulen zur Verfügung gestellt werden wird, vermittelt ethische Werte, die von großer Bedeutung sind. In dem Leitfaden heißt es: "Die Geschichte der Zeugen Jehovas berührt wichtige, moralische und ethische Fragen, was Gruppenzwang, Intoleranz und das Gewissen betrifft. Ihre Reaktion auf Tyrannei demonstriert, wie der menschliche Geist über Vorurteile, Propaganda und Verfolgung triumphieren kann."

Die Tageszeitung Die Welt schrieb daher zu Recht über das Video anläßlich der Premiere: "’Ein Lichtblick in dunkler Zeit’. Film-Uraufführung: Die Zeugen Jehovas unter dem NS-Regime."

Ich möchte mit einem Zitat von dem Theologen Bruppacher aus dem Jahre 1938 abschließen. Mitte der 1930er Jahre hatte die Wachtturm-Gesellschaft in der Schweiz mit dem Buch Kreuzzug gegen das Christentum. Moderne Christenverfolgung. Eine Dokumentation einen gut dokumentierten Bericht über die nationalsozialistische Verfolgung der Zeugen Jehovas in Deutschland der Öffentlichkeit vorgelegt, und unsere Videodokumentation wird auf das Buch kurz eingehen. Der Theologe Bruppacher rezensierte dieses Buch in der sozialistische Wochenzeitung Der Aufbau, die am 19. August 1938 in Zürich erschien und schrieb: "Ehre, wem Ehre gebührt! Der künftige Kirchenhistoriker wird einmal anerkennen müssen, daß nicht die großen Kirchen, sondern einige von den verschrienen, belächelten Sektenleuten es gewesen sind, welche als erste das Rasen des Nazidämons aufgefangen und den glaubensmäßigen Widerstand gewagt haben. Sie leiden und bluten, weil sie als Zeugen Jehovas und Anwärter des Königreiches Christi die Hitlerverehrung, das Hakenkreuz, den deutschen Gruß und den erzwungenen Gang zur Urne ablehnen."

Und Bruppacher schließt mit den Worten: "Wer diese Schriftstücke", -- er meint das Buch Kreuzzug gegen das Christentum, in dem zahllose Augenzeugenberichte der Verfolgung, Folter und Ermordung von Zeugen Jehovas aus dem 30er Jahren veröffentlicht werden -- "wer diese Schriftstücke ehrlich auf sich wirken läßt, der wird nun die verfemten Ernsten Bibelforscher in einem etwas neuen Licht sehen. Er wird den Stab nicht mehr schnell und selbstbewußt über ihnen brechen und wird der eigenen Kirche ein Glütlein von ihrer Überwindereinfalt wünschen."

Mögen die Anwesenden auch nach der Vorführung der Viodeodokuemtation Standhaft trotz Verfolgung Jehovas Zeugen "in einem etwas neuen Licht sehen".

Herzlichen Dank.

6 Min. - Johannes Stephan Wrobel, Selters/Taunus